Corona

Quarantäne-Haarschnitt: Der Griff zu Schere und Rasierer

Weil die Friseurläden zu sind, müssen Kunden sich selbst helfen. Einfache Schnitte sind gefragt. Auch der „Vokuhila“ könnte zurückkehren.

30.03.2020

Von Michael Gabel

Augen zu und durch: Frisur im Eigenbau. Foto: ©Lolostock/shutterstock.com

Krise ist schlecht. Aber noch schlechter ist Krise und schlecht frisiert. Weil die Friseure geschlossen haben, heißt die Alternative: Wachsen lassen oder selbst schneiden. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Friseurläden haben zu. Warum dürfen Mitarbeiter nicht zu den Kunden gehen? Weil Bund und Länder ein Kontaktverbot verhängt haben, das seit gut einer Woche für Friseurläden, aber auch für sämtliche Hausbesuche gilt. Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des deutschen Friseurhandwerks, hat für die Schließung der Läden Verständnis. „Auch wenn es für unsere Branche schmerzhaft ist – die Gesundheit der Bevölkerung geht vor“, sagt er dieser Zeitung.

Im Internet häufen sich die Anzeigen für Hausbesuche. Expandiert der Schwarzmarkt für Friseurdienstleistungen? Müller bestätigt dies. An die Schwarzarbeiter appelliert er, den Kolleginnen und Kollegen jetzt nicht in den Rücken zu fallen.

Soll man die Haare jetzt selbst schneiden? „Don't do it“ – lass es lieber –, sei die allererste Regel, sagen Haarprofis. Denn einen missratenen Haarschnitt wieder rauswachsen zu lassen, dauert unter Umständen länger als die Phase der Kontaktsperre.

Wer es trotzdem wagen will, was muss der beachten? Außer Regel eins gelten Regel zwei: keine komplizierten Schnitte, Regel drei: Haare im trockenen Zustand schneiden, Regel vier: nie mehr als zweieinhalb Zentimeter abschneiden und Regel fünf: lieber jemand anderes schneiden lassen.

Wie geht der ideale Quarantäne-Haarschnitt? Bei Herren: Am besten nur rund um die Ohren und am Nacken vorsichtig nachschneiden, rät die Düsseldorfer Friseurin Cinja Csulits. Bei Damenfrisuren lautet ihr Tipp: Auf keinen Fall kürzer schneiden, als es die Frau gern hätte. „Denn da können auch wir Friseurinnen mehr viel retten“. Damit die Linien nicht schief werden, empfehlen Profis, kleine Haar-Päckchen zwischen Zeige- und Mittelfinger zu nehmen und diese nur mit der Scherenspitze zu stutzen.

Welche Schere eignet sich? Eigentlich nur die Profi-Schere, weil sie besonders scharf ist. Zur Not geht auch eine Papierschere.

Welche Missgeschicke können passieren? Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Männer, die nicht mehr weiter wissen, können sich zur Not eine Glatze schneiden. Doch auch da gilt: Sorgfältig arbeiten – also öfter drüber rasieren und sich das Ergebnis bei Tageslicht nochmal ansehen. Friseurin Csulits sagt, sie befürchte, dass sie es in ein paar Wochen mit lauter „gelben Köpfen“ zu tun habe – wenn Menschen versuchen, ihr Haar zu blondieren und dabei überdosieren.

Manche greifen zum elektrischen Haar- oder Bartschneider. Gibt es davon noch genügend? Ja. Aber der Online-Versandhändler Otto berichtet von einer stark gestiegenen Nachfrage. „Von einem Bartschneider verkaufen wir normalerweise 30 Stück am Tag. Aktuell sind es zwischen 250 und 300“, sagt Otto-Chef Marc Opelt.

Dürfen Friseurläden weiter ihre Produkte verkaufen? Nur noch im Internet. Verbandsgeschäftsführer Müller sieht darin „in Zeiten, in denen das Handwerk ruht, eine gute Möglichkeit, die Kundenbindung zu erhalten“.

Warum sind die Preise in Friseur-Shops so viel höher als in der Drogerie? Laut Müller liegt das an der speziellen Zusammensetzung und den besonderen Wirkstoffen der von den Friseuren verwendeten Produkte. Shampoos aus dem Massenmarkt-Regal müssten dagegen „vor allem gut riechen und schön schäumen“.

Werden viele die Krise nicht überstehen? Das hängt davon ab, wie lange sie dauert und wie schnell die versprochenen Staatshilfen wirken. Müller spricht von einer „Riesen-Katastrophe“, die über seine Branche hereingebrochen sei. Der Branche mit ihren 240 000 Mitarbeitern entgehe durch die Schließungen ein täglicher Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe.

Wie können Kunden ihren Stammläden helfen? Zum Beispiel, indem sie für den abgesagten Friseurtermin einen Teil des Preises trotzdem bezahlen. Oder indem sie einen Gutschein erwerben. Bei vielen Friseuren kommt auch die Aktion „Zeig Ansatz für deinen Friseur“ gut an – die Teilnehmer verzichten aufs Nachfärben und demonstrieren damit: Ich warte, bis die Läden wieder aufmachen.

Kommt jetzt die Langhaarmode wieder? „Die Mode geht sowieso wieder in Richtung längerer Haare, auch bei Männern“, sagt Müller. Haben die Friseure noch länger zu, wird wohl auch wieder der „Vokuhila“ zum Leben erweckt: vorne kurz, damit man etwas sehen kann, und hinten lang. Im Homeoffice stört das ja keinen.

Australien kippt „Tempolimit“ für Haarschnitte

Ein Haarschnitt in maximal 30 Minuten – gegen diese Vorgabe der australischen Regierung im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus hat sich die Friseurbranche gewehrt. Nach einem Sturm der Entrüstung kippte Premierminister Scott Morrison nach zwei Tagen das Zeitlimit.

Die Zeitvorgabe für Friseuren hatte dazu beitragen sollen, dass soziale Distanz gewahrt und die Ansteckungsgefahr reduziert werde. Der australische Berufsverband der Friseure bezeichnete die Maßnahme als „empörend“; die Vorgabe gefährde die Existenz von etwa 40 000 Friseuren. dpa

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Erstellt:
30. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. März 2020, 06:00 Uhr

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