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Griechische Siesta ist futsch
Früher, in den 70ern, waren die Restaurants in Athen mittags gut gefüllt, danach hielt man Siesta. Heute ist das anders. Foto: afp
„Mittagspause in  . . .“ – Korrespondenten berichten – Heute: Athen

Griechische Siesta ist futsch

Früher war alles besser. In den 70ern machten die Griechen Pausen, die selbst die spanische Siesta in den Schatten stellten. Heute ist das anders.

06.08.2016
  • GERD HÖHLER

Athen. Jetzt, wo das Thermometer in Athen schon am Vormittag über 35 Grad klettert, hätte man sie gern: die Siesta. Aber wo ist sie? Futsch – abhandengekommen, wegrationalisiert!

Als ich Ende der 70er Jahre als junger Korrespondent nach Griechenland kam, gab es die Siesta noch. Das Wort stammt zwar aus dem Spanischen, aber die Griechen hatten es in ihren Sprachgebrauch übernommen – und praktizierten die Siesta sogar noch konsequenter als deren spanische Erfinder.

Es war die Zeit, als die Nachrichten noch träge über den Fernschreiber flossen und man keine Smartphones hatte, auf denen man ständig seine E-Mails checken musste. Entsprechend entspannt war das Journalistenleben.

Man traf sich mit Kollegen oder Politikern zum Mittagessen im „Gerofinikas“ nahe am Außenministerium. Oder im „Lykovrissi“, der „Wolfsquelle“, am Kolonakiplatz. So eine Unterhaltung über einer leckeren Seezunge und ein paar Gläsern Weißwein konnte sich bis weit in den Nachmittag hinziehen.

Danach war es Zeit für ein Nickerchen. Denn an Arbeit war ohnehin nicht zu denken: Die meisten Büros waren ab 14 Uhr verwaist, die Geschäfte geschlossen. Nur an drei Tagen in der Woche, dienstags, donnerstags und freitags, bequemten sich die Einzelhändler, nach 17.30 Uhr ihre Läden noch einmal für ein paar Stunden zu öffnen.

Damals gab es nur in wenigen Büros – und in noch weniger Wohnungen – Klimaanlagen. Das rechtfertigte zumindest im Sommer die ausgedehnte Mittagspause. Aber es gab noch einen weiteren Grund. Der Siesta verdankten die Griechen in jenen Jahren ihre erstaunliche Ausdauer bei nächtlichen Ausschweifungen. Zum Abendessen traf man sich selten vor 22 Uhr, die meisten Nachtlokale öffneten erst nach Mitternacht. Diese Nachtschichten stand auf Dauer nur durch, wer den verpassten Schlaf am Nachmittag nachholte.

Dann führte der griechische Premier Konstantin Karamanlis sein Land 1980 in die damalige Europäische Gemeinschaft. Damit begann der schleichende Tod der Siesta. Zuerst fingen die Ministerien an, sich auf den europäischen Stundenplan einzustellen – und das hieß: Man musste auch nachmittags erreichbar sein. Die Gewerkschaften versuchten, die Siesta mit Streiks zu verteidigen. Auch Politiker wehrten sich. Von mindestens zwei griechischen Ministerpräsidenten weiß ich, dass sie ihre Amtszimmer gegen 14 Uhr verließen, um zum Mittagessen nach Hause zu fahren – mit anschließender Siesta. Heute könnte sich das wohl kein EU-Regierungschef leisten.

Den endgültigen Todesstoß bekam die Siesta mit der griechischen Schuldenkrise. Von der Troika, die ab Frühjahr 2010 in Athen die Bücher und die Umsetzung der Reformagenda prüfte, mussten die griechischen Ministerialbeamten lernen, wie eine Mittagspause aussieht.

Statt Lobster im „Gerofinikas“ zu schlemmen, oder sich in einem Straßencafé auf dem Kolonakiplatz zu entspannen, verschlangen die Inspektoren hastig einen Salat in der preiswerten Taverne „Kentrikon“ unweit des Finanzministeriums – ohne Tischwein. Nach einer halben Stunde war die Mittagspause vorbei. Beim Trinkgeld seien die drei Herren ebenfalls knausrig gewesen, heißt es.

Das „Gerofinikas“ hat das Ende der Siesta nicht überlebt, das Lokal gibt es nicht mehr. Heute verbringen die meisten arbeitenden Athener ihre Mittagspause ganz europäisch bei „Starbucks“, „Costa Coffee“ oder in einem der vielen Schnellrestaurants. Das „Lykovrissi“ am Kolonakiplatz gibt es allerdings noch. Die Speisekarte ist zwar kleiner als früher und das Essen schlechter. Aber dennoch trifft man hier mittags noch einige ältere Athener, die sich mit einem geruhsamen Mittagessen und ein paar Gläsern Wein auf ihre Siesta vorbereiten.

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06.08.2016, 06:00 Uhr
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