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Stadtrundgang mit einem Tübinger Sprüher, der Nacht und Nebel hinter sich gelassen hat

Graffiti – überflüssige Schmiererei oder unterschätzte Kunst?

Tübingen prangt in bunten Lettern an der Wand vor dem Mixed-Up-Jugendraum bei den Pferdeställen. Die Proportionen des Schriftzugs wirken verzerrt, die Serifen der Lettern sind klobig. Und doch hat das Bild eine gewisse Ästhetik. Darunter huldigen Schablonen-Graffitis im Stil des britischen Streetart-Künstlers Banksy dem Werk und präsentieren es mit großem Gestus.

09.10.2015
  • Lorenzo Zimmer

Daneben: ein Tag, die Unterschrift des Sprühers. Wie bei einem Gemälde ordnet sie das Kunstwerk dem Urheber zu. „Mako“ steht dort verschnörkelt, aber gut lesbar.

Graffiti-Artist Mako Neumann besprüht die Westhall

Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Marco "Mako" Neumann besprüht die "Westhall" am Bauhof in der Tübinger Weststadt.

© Video: Kretschmer / Zimmer 03:07 min

Um den verschiedenen Disziplinen des Sprühens, ihrer Umsetzung, und ihren Unterschieden, aber auch den Gedanken und Absichten eines Sprayers näherzukommen, traf das TAGBLATT den Tübinger Marco Neumann. Szenename: „mako“. Er trägt ein kariertes Hemd und eine kurze Cargo-Hose. Seine schräg sitzende Cap lässt auf seine Verbindung zum Hiphop schließen. Um seinen Hals baumelt an einer Schnur ein Druckkopf einer Sprühdose. Die Cap, wie der Sprühverschluss im Sprüherjargon heißt, sieht benutzt aus – Farbsprenkler sorgen für den „used look“.

Beim Malen erwischt – dann kam der legale Neuanfang

„Mako“ zeigt stolz auf sein neuestes Piece, wie er die Bilder an Außenwänden, Mauern und Brückenpfeilern nennt. Es ist legal gemalt – das ist ihm wichtig. „Mit dem illegalen Malen habe ich vor einer ganzen Weile aufgehört“, sagt er. Warum? „Ich wurde erwischt. Als ich mich bei den Geschädigten entschuldigte, wurde mir klar, dass ich das nicht weiter durchziehen kann.“ War ihm nicht vorher klar, dass seine Sachbeschädigung anderen schadet? Dass sie ihnen Kosten und Mühen einbrockt – wenn nicht Privatpersonen, dann der ganzen Gesellschaft. „Daran denkst du als Maler nicht. Du siehst dein Werk nicht als Vandalismus, sondern als Kunst. Die Meisten finden, sie haben das Recht, die Stadt mitzugestalten.“ Schließlich sei es vorher ja nur eine triste, graue Wand gewesen: „Dann doch lieber bunt und lebendig!“ Es geht also um Gestaltung, nicht um politische Aussagen. „Die Leute verwechseln das oft, aber beim Graffiti geht es wirklich nur um die Buchstaben, die Schrift, die Farben oder das Bild.“ Um visuelle Feuerwerke. Sozialkritische Statements und politische Weckrufe gehören für Neumann zur Streetart. „Das Taggen ist hingegen eine wichtige Disziplin des Graffiti“, sagt Neumann. Während beim Malen von aufwändigen Schriftzügen Stunden oder sogar Tage benötigt werden, lässt sich eine solche Unterschrift binnen Sekunden sprühen. „Es ist das Markenzeichen des Sprayers.“

Graffiti – überflüssige  Schmiererei oder  unterschätzte Kunst?

Kaum eine Kunstform ist in der modernen Gesellschaft so umstritten wie Graffiti. Für die einen willkommene Abwechslung von einer genormten, trist-grauen Stadtszenerie, für die anderen wilde Schmiererei und mutwillige Sachbeschädigung. Graffiti reicht zeitlich bis in die Antike zurück – sogar noch viel ältere Höhlenzeichnungen gelten als Vorreiter. Das Sprühen entwickelte sich von den später 1980ern an zur Ausdrucksform einer ganzen Subkultur. Es zählt (neben Sprechgesang, DJ-ing an Plattentellern und Breakdance) zu einer der vier Säulen des Hiphops. Zum Selbstverständnis seiner Kultur gehört das Auflehnen gegen das „System“ mit obszönen Texten, dreckigen Bässen, ungewöhnlichen Klamotten – und eben bunt verschnörkelten Bildern und markigen Sprüchen aus der Sprühdose.. Das Besprühen grauer Wände gehört also zum Hiphop wie der Twist zum Rock‘n‘Roll oder Neonkostüme zu Rave und Techno.

Respekt vor alten, aber auch ganz neuen Häusern

An einer Wand nebenan zeigt sich Neumanns ästhetischer Anspruch an die gesprühte Farbe auf einer Wand. Die illegal gesprühten Lettern auf der grauen Wand wirken zusammengestückelt, ungebunden und ohne Schwung. „Da ist kein Flow drin, es ist nicht durchdacht“, kritisiert er. „Das war ein Anfänger.“ Beim Schlendern durch das junge Viertel mit farbigen Häusern und stählernen Außenbalkons, fällt auf, dass die Außenwände der modernen Mehrfamilienhäuser verschont geblieben sind.

„Graue oder weiße Mauern sind ein beliebtes Ziel, aber vor besonders neuen oder besonders alten Häusern haben die meisten Respekt“, erklärt Neumann. Anders bei Strom- und Telefonverteilern. Auf ihnen drängen sich die Tags und Akronyme zu einem Buchstabensalat, darunter auch Aphorismen wie „Tupac forever“ oder „ACAB“ („All cops are bastards“). „So etwas sprühen eigentlich nur junge Maler“, merkt Neumann an. „Das sind auflehnerische Attitüden, die mit der Entwicklung eines eigenen Stils und einer gewissen Selbstreflexion uninteressant werden“, sagt er.

An der Panzerhalle in der Aixer Straße, angekommen, erzählt mako von ungeschriebenen Gesetzen der Szene. Denn auch an legalen Wänden gibt es eine Hackordnung. „Es ist klar, dass bei so wenigen legalen Flächen die Bilder nicht ewig stehen bleiben“, sagt Neumann. „Aber wenn ich etwas übermale, das offensichtlich mit viel Aufwand und Herzblut gemalt wurde, dann sollte ich versuchen etwas Gleichwertiges zu sprühen, was den Aufwand betrifft.“ Dafür wird das alte Bild mit einer deckenden Farbe überstrichen. Sie dient dann als Grundierung für das neue Werk. „Und dann gibt es noch das sogenannte Crossing“, sagt mako. Es ist das bewusste Übersprühen der Bilder von anderen Malern oder Crews. „Das kann Reviergehabe sein oder soll den Style des anderen dissen.“

„Alles demoliert, Herr Staatsanwalt!“

In der Schaffhausenstraße unter der Blauen Brücke prangt ein neues ADHS-Piece. Es ist nur von den Gleisen aus gut zu sehen. Die vier Buchstaben haben Tübingen erobert – fast überall, wo illegal gesprüht wird, sind sie zu sehen. Über ihre Bedeutung kursieren viele Gerüchte in der Szene: „Alle die halt sprühen“, „All day Hustlers“ oder „Alles demoliert, Herr Staatsanwalt!“ Auflehnerisch, selbstironisch und frech, so sehen sich die oft jugendlichen Sprüher gerne selbst.

Doch mit ihrer Kunst richten sie großen finanziellen Schaden an. Die Polizei nahm im Jahr 2014 287 Sachbeschädigungen durch Graffitis auf – von ihnen konnten nur 26 Fälle aufgeklärt werden. Diese Quote von 9,1 Prozent ist ein ernüchterendes Ergebnis. Auch „mako“ war Teil der Statistik – als er 2009 erwischt wurde und seine illegale Karriere an den Nagel hing. „Es hatte sich angedeutet. Einige Wochen zuvor musste ich mich in Rottenburg vor einem Zeitungsboten verstecken, der plötzlich mit seinem Fahrrad die Straße lang kam. Da ging mir die Pumpe“, sagt er grinsend.

Auf dem Weg zum Epplehaus erzählt er von seinen Ideen, wie man illegales Sprühen reduzieren könnte: „Es braucht mehr legale Wände. Auch in belebten Bereichen, wo die Bilder gesehen werden und nicht nur weit draußen in der Pampa.“ Und er wünscht sich einen besseren Dialog mit der Stadt: „Die Verwaltung von München hat jetzt einen Graffiti-Beauftragten. Das finde ich äußerst sinnvoll. Vor allem wenn es jemand ist, der Verbindungen zur Szene hat und sich auch ein bisschen auskennt.“

Am Epplehaus lässt sich das ganze Spektrum der Kunstform bewundern: Aufwändige characters, wie man Figuren im Szenejargon nennt, zeigen auf kompliziert verschnörkelte Schriftzüge. Darunter haben sich die Maler mit ihrem Tag ein Denkmal gesetzt. Und auch für politische Statements, die zur Streetart gehören, war bei der Neugestaltung viel Platz. Unter dem Banner mit „Refugees welcome!“ (Flüchtlinge willkommen) wurde ein Satz an die Wand gemalt. Ein Satz aus einer anderen Zeit, der vielen nächtlichen Sprühern aus der Seele sprechen dürfte: „Freiheit stirbt mit Sicherheit.“

Weitere Bilder und Videos gibt es bei artstyler.net

Schon in seiner frühen Jugend nahm der 1988 geborene Marco „mako“ Neumann Graffitis überall im Tübinger Stadtbild wahr. Er machte jedoch erst tim Alter von 20 seine ersten Gehversuchen auf Papier, nachdem er sich in Magazinen und im Internet in die Materie eingelesen hatte. 2008 begann er, illegal zu sprühen, bis er im selben Jahr von der Polizei erwischt wurde. Neumann musste eine Geldstrafe bezahlen und entschuldigte sich bei den Besitzern der Wand. „Das war damals ein Bruch für mich. Ich wusste nicht wie es mit meiner Passion weitergehen soll“, sagt er rückblickend. Ihm war klar, dass es nur noch legal malen will, denn ganz aufhören wollte er mit seinem Hobby nicht. „Ich mag die athletischen Anforderungen des Sprayens“, sagt er. Der gelernte Feinwerkmechaniker arbeitet als Konstrukteur und verbringt einen großen Teil seiner Freizeit mit dem Sprühen. Während man beim Zeichnen nur mit der Hand arbeite, benötige man beim Sprühen vollen Körpereinsatz. „Das ist ein wunderbarer Ausgleich zum Arbeitsleben.“ Neumann steht kurz davor, sich gemeinsam mit seinem Freund und Grafitti-Partner Stephan „DasK-os“ Fischer als Nebentätigkeit selbstständig zu machen. „Wir haben schon einiges an Erfahrung mit der Umsetzung von Sprühprojekten für Firmen und Privatpersonen“, sagt Neumann. Die Beiden nennen sich „TASK“ – was für „The Art Styler Kru“ steht. „Wir verschönern Außenwände, aber bemalen auch Wohnungen oder einzelne Wände von innen“, so Neumann. „Wir wollen uns als Handwerksbetrieb anmelden – aber machen natürlich ein bisschen was anderes als der Maler und Lackierer von nebenan.“

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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