Kinderarbeit kein Kriterium

Grabsteine aus Indien: Gericht kippt kommunale Friedhofssatzungen

Schuften Kinder emsig in Steinbrüchen für Grabsteine im Südwesten? Viele Kommunen im Land haben Steine aus Kinderarbeit verboten. Doch der Verwaltungsgerichtshof hat die Regelungen für ungültig erklärt.

12.07.2014

Von TOBIAS WÜRTH

Schwäbisch Hall "Wollen Sie, dass Ihre Großmutter unter dem Blut indischer Kinder begraben wird?" Ex-Sozialminister Norbert Blüm, Schirmherr einer Zertifizierungsstelle gegen Kinderarbeit, findet drastische Worte. Nein, die Stadtverwaltung in Schwäbisch Hall will das nicht. Grabsteine aus Kinderhand sind dort seit dem 1. Januar 2014 verboten. Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hat aber diese Regel gekippt. Die Stadträte mussten daher diese Woche im Verwaltungsausschuss das Verbot von Kinderarbeit aus der Friedhofssatzung wieder streichen. "Das ist ärgerlich", sagt OB Hermann-Josef Pelgrim. Die Urteilsbegründung lasse keinen Spielraum: Das Landesgesetz regele nicht, "welches Zertifikat als vertrauenswürdig gelten könne".

Das Thema Kinderarbeit in den Steinbrüchen Asiens ist umstritten, gesicherte Erkenntnisse sind schwer zu bekommen. Sicher ist: Rund 80 Prozent der Grabsteine in Deutschland kommen aus Asien, schätzt der Naturwerkstein-Verband. Das sei eben günstiger.

Boris Hasel, der als Steinmetz und Steinbildhauer am Haller Waldfriedhof arbeitet, hat einen Verdacht: "Ich habe an einem Grabmal einen vier auf zehn Zentimeter tiefen Schlitz gesehen. Da passt keine Hand eines Erwachsenen samt Schleifpapier hinein." Bei Hasels Arbeitgeber selbst seien keine Kinder am Werk. "Jeder kann gern in die Werkstatt reinschauen und sich überzeugen. Wir stellen möglichst viel vor Ort her." Die rohen Steine würden in Asien von großen Maschinen aus dem Berg gebrochen, nach Rotterdam verschifft und dort gesägt. "Das sind haushohe Blöcke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da Kinder mitarbeiten."

Ganz so sicher ist sich da Walter Schmidt, Geschäftsführer der Zertifizierungsstelle Xertifix in Freiburg, nicht. "In Indien werden Steine herausgesprengt oder herausgesägt. Zumindest noch vor zehn Jahren setzten Kinder Bohrlöcher." Damals gab es Beweise, der TV-Sender Arte zeigte Kinder bei der Arbeit. Heute sei es schwierig, in die Steinbrüche zu kommen. Schmidt: "Wir haben aber in Südindien einen besichtigt. Dort waren Minderjährige, die dann nur rumstanden, als sie uns sahen. Neben ihnen lagen aber heiße Schlagbohrmaschinen."

168 Millionen Kinder müssten weltweit arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen - das hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) festgestellt. Seit 2000 sei Kinderarbeit aber um ein Drittel gesunken.

Nach Auskunft der Zertifizierer aus Freiburg klappe die Kontrolle, die Kinderarbeit und extreme Arbeitsbedingungen verhindern soll. Die Verwaltungsrichter sahen das anders - nun müssen dutzende Kommunen ihre Friedhofssatzungen ändern. "Wir waren total überrascht über die Entscheidung des Gerichts", sagt Reinhard Häberlein, der in Hall die Friedhöfe verwaltet. Er bestätigt: Einzelne Steinmetze würden wahrscheinlich ihre Rohwaren aus China beziehen. Dort herrschten vermutlich ausbeuterische Arbeitsbedingungen.

Häberlein hofft, dass die Landesregierung das Gesetz nach dem Urteil ändert. Doch das sei nicht geplant, sagt Helmut Zorell, Pressesprecher des Sozialministeriums in Stuttgart. Das Verbot sei eine Kann-Regel, jede Kommune müsse darüber selbst entschieden. Zorell: "Das Sozialministerium wird weiterhin keinen Versuch starten, die Kinderarbeit bei Grabsteinen gesetzlich zu verbieten." Häberlein sagt dazu: "Das ist Quatsch." Der Gesetzgeber müsse eine Regel für alle Kommunen treffen, etwa in Form einer staatlichen Zertifizierungsstelle. Auch der Haller Steinmetz Hasler ist für ein Zertifikat. "Wir würden das begrüßen." Häberlein wundert sich, warum man über Grabsteine, nicht aber auch über Bordsteine spricht. Der Friedhofsverwalter hat einen Tipp für alle, die Kinderarbeit am Grab der Oma ausschließen wollen: Einfach einen Stein aus heimischem Abbau bestellen.

Grabstein-Rohlinge, Tipp eines Friedhofverwalters: Wer Kinderarbeit am Grab der Oma ausschließen will, sollte einfach einen Stein aus heimischem Abbau bestellen. Foto: Martina Berg/ Fotolia

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Erstellt:
12. Juli 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2014, 12:00 Uhr

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