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Ausgeglichene alte Dame

Gorilla Mimi lebt seit 50 Jahren in der Wilhelma - Pfleger müssen ihren Respekt erarbeiten

Großer Tag gestern für Gorilla-Frau Mimi: Weil sie seit 50 Jahren in der Wilhelma lebt, erhielt sie eine Torte. Zugleich feierte der Zoo ein halbes Jahrhundert Gorillahaltung. Mit Mimi hatte alles angefangen.

15.10.2015
  • RAIMUND WEIBLE

Stuttgart Kurz vor zehn war es gestern Vormittag, als sich Mimi an der Tür des Innengeheges zeigte. Gemächlich inspizierte die Gorilla-Frau den Raum, den sie drei Monate lang nicht mehr betreten hatte, und sie nahm aufmerksam, aber unaufgeregt wahr, was sich verändert hatte: Da hingen Bändel an der Decke, lagen kleine Ballons herum, stand ein mit Schleifen verziertes Fass. Dass hinter der Glasscheibe eine Menge Leute warteten, darunter einige Fotografen, irritierte sie überhaupt nicht. Mimi fand rasch heraus, dass in den Ballons Rosinen verborgen waren und steckte die Leckerbissen ohne Hast in den Mund.

"Guck doch mal nach deiner Torte", lockte eine Wilhelma-Beschäftigte, doch Mimi ließ sich Zeit. Es war wie Eiersuchen an Ostern. Schließlich entdeckte sie den Sahnekuchen, den die Pfleger wegen der Fotografen direkt vor der Scheibe abgelegt hatten. Die Torte war mit Beeren verziert und mit Bananen und Aprikosen umgeben. Als erstes griff sich Mimi die Aprikosen, dann die Bananen. Später steckte sie die Finger in die Sahne und lutschte sie genüsslich ab.

Der gestrige Tag war ihr Ehrentag, deshalb die ganze Bescherung. Zu feiern gab es 50 Jahre Mimi in der Wilhelma und 50 Jahre Gorillahaltung im Stuttgarter Zoo. Am 14. Oktober 1965 war Mimi aus Kamerun am Frankfurter Flughafen eingetroffen. Sie war damals vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Zusammen mit "Schlamper" kam sie nach Stuttgart. Nach dem ersten Eingewöhnen beim Wilhelma-Tierpflegerpaar Gundi und Heinz Scharpf landete sie mit drei anderen Artgenossen in einem Gehege im dritten Stock des Kaufhauses Breuninger. Denn Besitzer Heinz Breuninger hatte vier Gorillas gestiftet unter der Bedingung, dass er sie einige Monate in seinem Kaufhaus zeigen darf.

"Mimi hatte einen schwierigen Start", sagt Wilhelma-Kuratorin Marianne Holtkötter, die seit 24 Jahren für die Menschenaffen zuständig ist. Das Gorilla-Mädchen war ein Wildfang, vermutlich hatten die Jäger dabei ihre Mutter getötet. Traumatisierend: Die Trennung von der Mutter, die lange Reise in der Kiste, schließlich die Anfangszeit in Stuttgart unter schlechten Bedingungen. Trotz allem entwickelte sich Mimi gut, eignete sich große soziale Qualitäten an, ist der ruhende Pol im Gehege. Und: "Sie sieht topfit aus und ist geistig und körperlich vollkommen fit", hält Holtkötter fest.

Mimi lebt in enger Beziehung mit ihrer Tochter Mutasi, ihren Enkeln Mawenzi, Milele und Nesthäkchen Masani, erst vier Monate alt. "Das freut mich für sie", sagt Holtkötter, "dass sie ein so schönes Familienleben hat, eben das, was ihr genommen wurde, als sie klein war."

Mit ihren 52 Jahren ist Mimi nach Wilhelma-Angaben der viertälteste noch lebende Gorilla auf der Welt. "Das macht auch eine Aussage über die Qualität der Pflege in der Wilhelma", betont Holtkötter.

Mimi brachte elf Kinder von vier verschiedenen Männern auf die Welt. Ihr Baby von 1973 war das erste, das in der Wilhelma geboren wurde. Die ersten acht Kinder mussten ihr weggenommen werden, weil sie sie mit dem Gesicht nach außen an die Brust presste. Dann gebar sie 1988 Maayabu, ihr neuntes Baby. "Da hat es klick gemacht", sagt Holtkötter. Mimi legte das Kind richtig an. Seitdem funktioniert die natürliche Nachzucht der Gorillas in der Wilhelma.

Pfleger Marcel Schneider (25) hält Mimi für den "nettesten Gorilla, den wir hier haben". Er selbst musste sich erst ihren Respekt erarbeiten - mit männlichen Pflegern braucht sie länger, um mit ihnen warm zu werden. Seiner Kollegin Malisa Fassnacht (37) gefällt die Ausgeglichenheit der alten Dame. Allerdings: Wenn Silberrücken Kibo sie mal ärgert, kann es schon sein, dass sie ihn durchs Gehege jagt.

Mimi ist auch Forschungsobjekt. Die Tübinger Zoologin Iris Weiche hat ihr Verhalten studiert. Was in ihre Doktorarbeit über Beziehungen zwischen weiblichen Gorillas einfloss.

Gorilla Mimi lebt seit 50 Jahren in der Wilhelma - Pfleger müssen ihren Respekt erarbeiten
Was von der Torte übrig blieb: Gorilla Mimi lutscht sich die Sahnereste von den Fingern ab. Foto: Helmut Ulrich

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15.10.2015, 12:00 Uhr
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