Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
„Die Liebe der Danae“ und „Der Sturm“ – Oper und Theater bei den Salzburger Festspielen

Goldglanz, Pracht und edle Gefühle

Nach gutem Start geht's in Salzburg durchwachsen weiter: mit einer übersüßten Strauss-Oper „Liebe der Danae“ und einem lauen Shakespeare-„Sturm“.

04.08.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Salzburg. Fast immer nur Goldglanz und bonbonbunte Ausstattungspracht: Eine Überdosis davon tut nicht gut. Doch Regisseur Alvis Hermanis will uns mit Richard Strauss' Oper „Die Liebe der Danae“ unbedingt in ein Märchenland entführen. Um die XXL-breite Bühne im Festspielhaus zu füllen, lässt er massenweise putzige, orientklischeebrave Menschen mit Pumphosen und Mega-Turbanen auftreten. Zudem belebt – oft weitgehend sinnfrei zuckend – noch ein Synchron-Ballett mit Golden Girls den Raum. Irgendwo zwischen „Sindbads Abenteuer“ und „Goldfinger“, das alles. Nur leider komplett ironiefrei.

Eigentlich schlummert das Potenzial dieser 1940 zu Kriegszeiten vollendeten Oper darin, dass Richard Strauss mit ihr eine „fantastische Utopie“ geschrieben hat: die Geschichte von Danae, die den mächtigen Götterboss Jupiter verschmäht und den armen Hirten Midas bevorzugt. Eine Art Gegenentwurf in katastrophaler Zeit: Das zumindest betonte im Vorfeld der Dirigent Franz Welser-Möst immer wieder, ein kritischer Kopf, der mit den Wiener Philharmonikern mehr erzählte, als dies der Regie über vier Stunden gelang.

Die führt uns weiter durch ihre niedliche, puderzuckrige Kindertheaterwelt. Jupiter, der gerne Danae in sein Frauen-Sortiment aufnehmen möchte, rollt auf einem imposanten Riesenelefanten aus Pappmaché ins Bild. Von Danae abgewiesen, verwandelt er aus Eifersucht seinen Günstling, den mit Gold gekauften König Midas, zurück in einen einfachen Eseltreiber, dessen Tier denn auch pittoresk über die Szene trotten darf. Der einzige Witz in Hermanis‘ Regie: Der große Elefant ist eine Attrappe, der kleine Esel dagegen lebt.

Aber sonst überzieht Hermanis die Szene mit nicht enden wollendem Prunk – in Form von Teppichen und Ornament-Laufbändern in allen Spektralfarben. Man kommt sich vor wie in der Geschenkpapier-Boutique – alles so schön bunt hier. Selbst der Gegensatz zum Goldregen, die Armut, gerät hier zu einer chicen Deko-Orgie: eine ballettbelebte Reihe von Webstühlen mit der in Armut wunschlos froh vor sich hin knüpfenden Danae. Hermanis gibt sich vollends als Schönfärber zu erkennen, als Glücklichmacher ewiggestriger Publikumskreise. Schade. Da ist der Farbenreichtum der Wiener Philharmoniker unter Welser-Möst schon eher etwas, was wirklich glitzert und perlt, flirrt und dramatisch aufschäumt, oft in Strauss'scher Edelsüße. Die Solisten? Sind auf Festspielniveau, allen voran Krassimira Stoyanova als stimmlich träumerisch-schwerelose Danae, Gerhard Siegel als tenoral flexibler Midas und Tomasz Konieczny mit einem facettenreich singenden Jupiter. Ob sich die Wiederentdeckung dieser Oper gelohnt hat, deren „heitere Mythologie“ leicht nach Altherren-Erotik muffelt? So eher nein. Was Welser-Möst bravourös an apollinischer Konturenschärfe entdeckt, macht Hermanis mit seinem leeren Ausstattungsprunk wieder platt.

So ruhten die Hoffnungen auf Shakespeares Klassiker „Der Sturm“, eingerichtet von der festspielerfahrenen Deborah Warner, die wenigstens mit einem gewissen Regie-Ehrgeiz ans Werk geht. Ja, und natürlich auf Peter Simonischek, dem großen Allround-Schauspieler, der nach Cannes nun auch in Salzburg noch einmal ganz groß herauskommt – und den sein Kollege Klaus Maria Brandauer gern als „Faschingsprinz von Salzburg“ bespöttelt. Der knapp 70-jährige Simonischek stattet seinen Prospero, den auf eine Insel vertriebenen Mailänder Herrscher, denn auch mit viel lässigem, altersweisem Charme aus.

Er gibt ihn als routinierten Zauberer, in dem gleichwohl noch ein altes Rachefeuer lodert, weshalb er seine Feinde mit einem inszenierten Unwetter auf See zu Schiffbrüchigen macht und ans Ufer seines Eilands spülen lässt. Die Gestrandeten sind bei Warner zuerst auf Video zu sehen – als winzige Pünktchen vor großem Meerhorizont, fast wie Bootsflüchtlinge von heute. Die Bühne ist eine Theaterwerkstatt mit vielen Extra-Spielarealen, einer Kiesstrandfläche, einer Gerümpelecke und einer weißen Wolke, die sich irgendwann in Bewegung setzt. Kleiner Gag: Den Luftgeist Ariel gibt's nur als Englisch-Originaltext aus dem Off, den der Playback-Performer Dickie Beau in Lippenbewegungen umsetzt.

Am eindrücklichsten agiert Jens Harzer, der seinen Wilden Caliban mit der ohnmächtigen Verzweiflung eines Gedemütigten zeichnet – eine der wenigen Figuren, die wirklich zu Herzen geht. Ansonsten lässt einen dieser soundsovielte Salzburger „Sturm“ trotz großen Staraufgebots – der 81-jährige Charles Brauer ist als Gonzalo mit dem vielzitierten, nobel vorgetragenen Plädoyer für eine herrschaftsfreie Gemeinschaft zu erleben – seltsam kalt.

Fazit: sehr gediegenes, aber auch unnötig zerdehntes, streckenweise hölzernes Theater, das Peter Simonischek schauspielerisch souverän als der große Verzeiher zusammenhält. Am Ende: ermatteter Beifall.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

04.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular