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Ausstellung

Götter, Krieger, Chilischoten

Altamerikas Supermacht: Mit eindrucksvollen Leihgaben erweckt das Stuttgarter Linden-Museum die Kultur der Azteken zum Leben.

14.10.2019

Von GEORG LEISTEN

Der Windgott Quetzalcoatl. Foto: Landesmuseum Württemberg/Hendrik Zwietasch

Stuttgart. Quetzalcoatl versteht keinen Spaß. Mit starrenden Glubschaugen im Schädel und den Reißzähnen eines Jaguars im Mund warnt er die Welt. Die Macht der aztekischen Götter war absolut. Sie konnten ihrem Volk Regen und Fruchtbarkeit bescheren, ihm aber auch mit Sturm und Hagel die Ernten zerfetzen.

Die finale Zerstörung freilich brachten andere über die bedeutendste Hochkultur Mittelamerikas. 1519 zog der spanische Abenteurer Hernán Cortés mit einem verwegenen Conquistadoren-Häuflein einen ebenso jähen wie blutigen Schlussstrich unter die jahrhundertealte Geschichte der Azteken. Deren letzter Herrscher Moctezuma starb entweder durch die Hand der völkermordenden Raubritter oder durch die Steinwürfe der eigenen, erzürnten Untertanen.

Die Statue des Windgottes Quetzalcoatl, die da aus einer Vitrine des Stuttgarter Linden-Museums herausdroht, entstand wahrscheinlich in jenen letzten apokalyptischen Tagen des indigenen Imperiums. In Vorahnung des baldigen Endes, so jedenfalls die aktuelle Forschungsvermutung, stattete der Künstler die aus Grünstein gehauene Figur mit besonders düsteren Attributen aus.

Den fünfhundertsten Jahrestag der Eroberung durch die Spanier nimmt das Linden-Museum nun zum Anlass für eine umfangreiche Neubewertung der Azteken. Die Direktorin Inés de Castro und ihre Kuratorin Doris Kurella bieten fast alles, was man sich von einer kulturhistorischen Schau erwartet: eindrucksvolle Exponate, eine erlebnisreiche Ausstellungsarchitektur und multimediale Dokumentationen.

Aus dem Dunkel der Geschichte kehren die vielgestaltigen Gottheiten der Azteken zurück und scheinen nach uns zu greifen. Wie Mictlantecuhtli, seines zungenbrecherischen Zeichens Herrscher der Unterwelt. Vornüber gebeugt steht er da, seine krallenbewehrten Hände schweben über dem Betrachter, aus dem geöffneten Leib hängen wie bei einer Anatomieleiche Leber und Gallenblase heraus.

Die lebensgroße Keramikfigur stammt (wie viele der über hundertvierzig Exponate) aus neueren Ausgrabungen im Umfeld des Templo Mayor in Mexiko-Stadt. Dort, wo sich einst auch Tenochtitlan, die Hauptstadt des Aztekenreichs befand. Zwischen zwei Geschossebenen im Linden-Museum verläuft die Nachbildung einer Steiltreppe, so dass man eine Ahnung bekommt von der imposanten Tempelarchitektur. Alles zielte auf Einschüchterung ab.

Nach heutigen Kategorien war Altamerikas Supermacht ein Vielvölkergebilde. Vierzig verschiedene Sprachen wurden hier gesprochen, zahllose Provinzen und Vasallenstaaten waren gegenüber der kakaoschlürfenden Herrscherkaste in Tenochtitlan tributpflichtig. Mit Schwertern und Pfeilspitzen aus Obsidian, wie sie in der Schau ausliegen, setzten Elitekrieger die hegemonialen Ansprüche durch.

Was dagegen an den Aufzeichnungen der Spanier dran ist, die von aztekischen Menschenopfern und Häutungen berichten, lässt sich nur noch teilweise rekonstruieren. Die meisten Wissenschaftler glauben aber, dass es tatsächlich rituelle Tötungen gegeben hat. Den schaurigen Totenturm aus menschlichen Schädeln, den spanische Chronisten erwähnen, konnten Archäologen mittlerweile freilegen.

Allein auf ihre grausam-archaischen Seiten will Museumschefin de Castro die Azteken aber nicht reduziert sehen. Denn wir haben ihrer Fertigkeit viel zu verdanken. Ohne aztekische Ackerbauern, denen es gelang, die Kakaobohne zu domestizieren, gäbe es heute keine Schokolade. Ebenso wenig wie Kürbisse und Chilischoten. Auch in der Medizin besaß die indigene Gesellschaft weit entwickelte Kenntnisse. Sogar die Spanier ließen sich lieber von aztekischen Ärzten als von den eigenen behandeln. Gleichzeitig zeugen filigrane Goldanhänger, handschmeichlerisch gearbeitete Tonkrüge oder reich dekorierte Steinkisten von einem spezialisierten Kunsthandwerk.

All das weckte schon im 16. Jahrhundert Begeisterung an Europas Herrscherhöfen, wie nicht zuletzt jene geometrischen Prunkschilde aus Vogelfedern beweisen. Heute gehören sie dem Württembergischen Landesmuseum, hatten aber einen illustren Vorbesitzer: Einer Quelle zufolge benutzte sie der württembergische Herzog 1599 bei einem Fastnachtsumzug. Wahrscheinlich wollte er sich mit den fremden Federn wie ein schwäbischer Moctezuma fühlen.

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Erstellt:
14. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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