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Frankreichs Präsident gibt Gesuch der Familie und Druck der Straße nach

Gnade für eine Mörderin

Sie wurde geschlagen, ihre Kinder wurden missbraucht. Nach 47 Jahren Pein erschoss sie ihren Mann. Nun hat Präsident Hollande die Frau, die zur Ikone im Kampf gegen eheliche Gewalt wurde, begnadigt.

01.02.2016
  • DPA /AFP

Paris. Wird der Präsident die Mörderin begnadigen? Das fragten sich nicht nur bangend die Kinder von Jacqueline Sauvage seit ihrem Bittbesuch bei François Hollande. Halb Frankreich wartete auf die Antwort des Staatschefs. Hollande gab nun dem Gesuch der Familie und dem Druck der Straße nach. Der Fall der 66-Jährigen, die nach 47 Jahren Ehe-Hölle ihren Mann erschossen hatte, bewegte seit Wochen die Nation. Politiker, Künstler und Frauenvereinigungen setzten sich für ihre Entlassung ein. Nun hat der Präsident von seinem Recht Gebrauch gemacht und die zu zehn Jahren Gefängnis verurteilte Frau begnadigt. Artikel 17 der französischen Verfassung räumt dem Präsidenten das Recht der Begnadigung ein.

Der Präsident wollte angesichts einer außergewöhnlichen menschlichen Situation die Rückkehr von Frau Sauvage in den Kreis ihrer Familie ermöglichen. Die Begnadigung erlaube ihr, umgehend einen Antrag auf Haftentlassung unter bestimmten Bedingungen zu stellen, teilte der Präsidentenpalast mit. Die Verurteilung sei aber nicht völlig aufgehoben.

Jacqueline Sauvage soll 47 Jahre lang von ihrem Mann brutal behandelt worden sein, auch ihre Töchter wurden misshandelt und geschlagen, heißt es. Nach ihren Angaben habe er die drei Töchter vergewaltigt. Auch den Sohn soll er missbraucht haben.

Am 10. September 2012 tötete die Frau ihren Peiniger mit drei Schüssen in den Rücken. Der Tat ging anscheinend ein handgreiflicher Streit um ihren Sohn voraus, der in dem Transport-Familienunternehmen nicht mehr Chauffeur sein wollte. Was die Frau zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Ihr Sohn hatte sich in seiner Wohnung erhängt.

"Unser Vater ist tot und für mich ist das eine Erleichterung", sagte eine von Sauvages Töchtern. Für Staatsanwalt Frédéric Chevallier sind drei Schüsse in den Rücken dennoch inakzeptabel.

Auf die Gewalt ihres Mannes hätte Sauvage mit einem verhältnismäßigeren Akt reagieren können, erklärte der Jurist. Er sprach im Oktober 2014 von versuchter vorsätzlicher Tötung. Am 3. Dezember wurde das Urteil von einem Schwurgericht bestätigt.

Seitdem kämpften Künstler, Politiker - darunter Daniel Cohn-Bendit - sowie Frauen- und Menschenrechtsorganisationen um Sauvages Haftentlassung. Legitime Verteidigung und eine menschliche Antwort auf eine unmenschliche Situation lauteten ihre Argumente. Und ihre Anwältin Nathalie Tomasini kam mit Zahlen, die erschütterten. Die Richter hätten nichts verstanden, empörte sie sich.

Die 66-Jährige Sauvage wurde zu einer Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt. Auch Frankreichs Medien mobilisierten sich. Der Druck auf Hollande war groß. Bei einer Petition kamen in wenigen Tagen mehr als 350 000 Unterschriften zusammen.

Die drei Töchter von Sauvage sagten nach dem Empfang beim Präsidenten am vergangenen Freitag, Hollande habe weder Ja noch Nein gesagt - er habe ihnen zugehört und sei sichtlich bewegt gewesen. Doch brauche der Staatschef wohl Bedenkzeit, sagte auch die Anwältin zu Journalisten. Das Bittgespräch um Begnadigung dauerte rund eine Stunde - Hollandes Bedenkzeit (nur) zwei Tage.

Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt

Diskussion Jacqueline Sauvage ist zur Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt geworden. 2015 sollen 134 Frauen von ihren Männern oder Ex-Lebensgefährten getötet worden sein, wie ihre Anwältin nach dem Urteil erklärte. Von 223 000 Opfern ehelicher Gewalt sollen nur 14 Prozent Klage erhoben haben. Zu jenen Opfern häuslicher Gewalt gehört auch Alexandra Lange. Zwölf Jahre lang hatte ihr Lebensgefährte sie geschlagen. 2009 brachte die damals 32-Jährige ihn schließlich um. Als er versuchte, sie zu würgen, stach sie ihm mit einem Messer in seinen Hals. „Er oder ich“, sagte sie damals vor Gericht, das sie 2012 freisprach. Legitime Verteidigung und eine menschliche Antwort auf eine unmenschliche Situation: Argumente, mit denen Künstler, Politiker – darunter Daniel Cohn-Bendit – sowie Frauen- und Menschenrechtsorganisationen Sauvages Haftentlassung verlangen. Auch einige französische Medien stimmen ein. Die Tageszeitung „Libération“ forderte auf ihrer Titelseite vom 23. Dezember „Monsieur Le Président, befreien Sie Jacqueline Sauvage“. dpa

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01.02.2016, 08:30 Uhr
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