Klassik

Glänzende Zukunft, vielleicht

Egal ob Schubert oder Pop: Das Vision String Quartet überzeugt sowohl junge Fans als auch Kenner. Doch sein Höhenflug wurde durch Corona jäh gestoppt.

05.05.2020

Von GEORG RUDIGER

Karriere im Pausenmodus: Die vier Berliner vom Vision String Quartet sehnen sich nach vollen Konzertsälen. Foto: Sander Stuart

Berlin. Ernst blicken die vier jungen Männer vom Cover ihrer Debüt-CD. „Memento“ heißt das Erstlingswerk des Vision String Quartet, das Schuberts „Tod und das Mädchen“ mit Mendelssohns düsterem letzten Streichquartett in f-Moll kombiniert. Warum denkt ein junges Ensemble, das immer auswendig spielt und mit seinen groovenden Arrangements und Jazz-Improvisationen eine neue Lockerheit in die Kammermusikszene bringt, ausgerechnet bei seiner Geburt auf dem Tonträgermarkt ans Sterben? „Beide Werke haben uns schon lange begleitet – wir sind an ihnen gewachsen“, erklärt der zweite Geiger Daniel Stoll „Wir spielen schon acht Jahre zusammen und wollten Stücke wählen, die uns sehr vertraut sind.“

Das Berliner Quartett möchte bewusst zweigleisig fahren und die „ernsthafte, klassische Seite von der anderen, eher unterhaltenden trennen“, betont Stoll. Das Ergebnis klingt so plastisch, als würde man das Hörbild mit einer 3D-Brille betrachten: glasklare Konturen, große Tiefenschärfe. Die Hell-Dunkel-Kontraste in Schuberts Kopfsatz sind existenziell. Das Unisono im Finale zieht den Hörer in einen Strudel. Ob man das Thema des Andante so flächig musizieren muss, dass der Bewegungsimpuls fast verloren geht? Auch manche Tempoübergänge klingen nicht organisch genug. Aber das sind Peanuts im Vergleich zur rhythmischen Genauigkeit der Interpretation, zur orchestralen Wucht des Mendelssohn-Quartetts und der gemeinsamen Attacke beim Tutti-Einsatz im Fortissimo.

Ein Album als selbstbewusstes Statement: Wir haben etwas zu sagen. Und sind gekommen, um zu bleiben! Gerade haben die Vier Fahrt aufgenommen – dann die Vollbremsung. Das Release-Konzert am 13. März in Berlin wurde coronabedingt zwei Tage vorher abgesagt. Die anschließende Tournee ebenfalls. „Artist in Residence“ beim Bodenseefestival – wäre schön gewesen. „Wir gehen perspektivlos in die nächsten Monate hinein – das ist sehr schade und auch belastend“, sagt Cellist Leonard Disselhorst. Er hat ein paar Wochen in einer Biogärtnerei gearbeitet. Daniel Stoll verbringt die Zeit mit Üben, seiner Steuererklärung und einer Hängematte. Kein Cent Einnahmen seit Wochen, aber zumindest ein wenig Soforthilfe durch die Berliner Landesregierung. „Es ist schon bemerkenswert, wie wenig bei den Exitstrategien über kleinere kulturelle Veranstaltungen gesagt wurde“, beklagt Stoll.

Sein Kollege Disselhorst hofft, dass diesen Sommer doch noch der eine oder andere Auftritt stattfinden wird: „Je länger dieser Zustand beibehalten wird, desto schwieriger wird es, die Kulturlandschaft wieder aufzubauen. Wir wissen schon von Veranstaltern, denen Sponsoren weggebrochen sind.“ Ob das überwiegend ältere Kammermusikpublikum dann auch wieder ins Konzert kommt? Auftritte sind jedenfalls schon für die nächsten zwei Jahre vereinbart – das gibt ein wenig Perspektive.

Im Homeoffice basteln Bratschist Sander Stuart und der erste Geiger Jakob Encke derweil an selbst gedrehten Videos zu eigenen Kompositionen. Das erste mit dem Titel „Shoemaker“ ist gerade erschienen. Das Quartett spielt auf Kinderinstrumenten. Schnelle Schnitte, guter Groove – am Ende wird getanzt. „Wir wollten gar nicht als klassisches Quartett starten, sondern andere Musik machen. Das klassische Repertoire war natürlich auch spannend – so haben wir das parallel laufen lassen“, sagt Disselhorst.

Auswendig spielen sie seit dem ersten Auftritt bei einem Kammermusikkurs in Weikersheim. Ein paar Tage zuvor hörten sie im Nebenraum ein anderes Quartett mit dem gleichen Stück und spielten aus dem Kopf ihre Stimme mit. „Wir fühlen uns damit befreiter und können viel mehr aufeinander eingehen“, sagt Stoll. Das Improvisieren haben sie sich selbst beigebracht und dafür Aufnahmen von den G-Strings, dem Turtle Island Quartet und Oscar Peterson gehört. Und sich eine andere Tongebung und neue Spieltechniken angeeignet wie das Chopping, bei dem man mit dem Bogen auf die Saite hackt.

Erst im Anzug, dann in Jeans

Meistens treten die Vier im ersten Teil eines Konzertes in schwarzen Anzügen mit klassischem Repertoire auf; nach der Pause rocken sie in Jeans und Turnschuhen auf verstärkten Instrumenten. Inzwischen hat das Quartett eine junge Fangemeinde aufgebaut, mit der es über die sozialen Netzwerke im Kontakt ist. „Komischerweise kommt das Jazz-/Pop-Programm auch bei einem alten, konservativen Publikum sehr gut an. Es gibt da viele Zuhörer, die in ihrem ganzen Leben noch nie nichtklassische Musik gehört haben. Die sind genauso baff wie die Jungen, die zu uns kommen wegen der Popsachen und dann im ersten Teil völlig gebannt den klassischen Stücken lauschen“, sagt Stoll.

In den nächsten Wochen haben die Vier zumindest Zeit, an ihren eigenen Videos und Kompositionen zu feilen. Auf dem nächsten Album möchte man sich nämlich nicht mit Beethoven oder Brahms beschäftigen, sondern die eigenen Stücke präsentieren. Dann wird man vielleicht auch ein Lächeln sehen auf dem Cover.

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Erstellt:
5. Mai 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Mai 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Mai 2020, 06:00 Uhr

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