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Im Gespräch

Gewinn ist gut, aber nicht alles

Waghalsige Spekulationsgeschäfte, Bankenkrise und steuerfinanzierte Rettungsmanöver: Angesichts der jüngsten Ereignisse mehren sich Forderungen nach ethischen Maßstäben für ökonomisches Handeln und einer gerechten Wirtschaftsordnung. Doch wie kann eine zeitgemäße Wirtschaftsethik aussehen? Laut Otfried Höffe, Philosoph und Wirtschaftsethiker, sind wichtige Grundlagen dafür vorhanden – sie werden aber nicht konsequent umgesetzt.

05.05.2014

Von TEXT: Veronika Höber / Martina Hönekopp | FOTO: Ulrich Metz

Mangelt es unserer

Wirtschaft an

moralischen

Grundsätzen?

Die Frage ist berechtigt. Fairerweise muss man aber sagen, nein, nicht grundsätzlich. Aktuell betrifft es vor allem die Finanzwirtschaft, dort aber weniger die Sparkassenberater als die Finanzjongleure der Investmentbanken.

Braucht es in einer globalisierten Welt neue ethische Prinzipien?

Die relevanten ethischen Prinzipien sind seit Jahrtausenden gültig. Kernpunkte sind Rechtschaffenheit und dass man das Recht als solches anerkennt und sich nicht des Betrugs oder der Gewalt schuldig macht.

Wenn jeder den anderen so

behandeln würde, wie er selber behandelt werden möchte,

dann hätten wir also viele

Probleme nicht?

Richtig. Die Goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tu?, das füg? auch keinem anderen zu“ ist ein Grundsatz der Wechselseitigkeit, der übrigens in allen Kulturen zu finden ist, also auch in einer globalisierten Welt gilt. Die Regel zeigt: Wir brauchen keine neuen ethischen Grundsätze, aber wir müssen die bewährten Prinzipien durchsetzen.

Ethisches Handeln umfasst

Gemeinwohl und Gerechtigkeit. Steht es damit nicht notwendig in Konflikt zur von Selbstinteresse getriebenen Wirtschaft?

Der berühmte Wirtschaftstheoretiker Adam Smith, lange Zeit Inhaber eines moralphilosophischen Lehrstuhls, war von den gemeinwohlförderlichen Folgen der Wirtschaft überzeugt - angetrieben durch ökonomisches Interesse. Die Wirtschaft sorgt für Güter und Dienstleistungen, für ihre Verteilung zu angemessenen Preisen, für Arbeitsplätze und dafür, dass Steuern fließen. Ohne sie könnten wir den Sozialstaat nicht finanzieren. Ökonomisches Selbstinteresse ist also nicht einfach der Feind von Gemeinwohl und Gerechtigkeit.

Sind also weltweit agierende Großunternehmen und -banken die heimlichen Machthaber?

Nein, das würde ich nicht sagen. Allerdings lässt sich etwa mit der Drohung, abzuwandern und damit Arbeitsplätze und Steuern zu gefährden, einiges an Ungerechtem oder für das Gemeinwohl Schädlichem erpressen. Notwendig ist in einem globalen Wettbewerb die internationale Anerkennung dessen, was ich ein Gerechtigkeitsminimum nennen möchte, das auch für die Finanzwirtschaft gültig ist. So wie wir uns auf völkerrechtlich verbindliche Menschenrechtskonventionen geeinigt haben, brauchen wir eine Art finanzwirtschaftliches Völkerrecht.

Was wären seine wichtigsten

Aufgaben?

Zunächst einmal hat man für einen weltweit gültigen Rechtsrahmen zu sorgen. Eine weitere Aufgabe wäre, die sogenannten Steueroasen auszutrocknen, denn sie stellen eine eklatante Ungerechtigkeit dar. Außerdem müsste man auf Kartell- und Monopolverbote, auf soziale und ökologische Mindestkriterien und vieles mehr achten. Sie sehen, die Liste der Verbindlichkeiten wird lang. Doch was wir in anderen Bereichen des Völkerrechts erreicht haben, ist auch für die Finanzwelt zu schaffen.

Bräuchte es, um die Ethik in der Wirtschaft wieder stärker zu verankern, mehr Institutionen wie das Weltethos Institut Tübingen?

Dass das Stichwort „Weltethos“ vernünftig ist, bleibt unbestritten. Es sollte sich aber primär um ein Rechtsethos handeln, sich deshalb in den Strukturen demokratischer Rechtsstaaten und einer globalen Rechtsordnung niederschlagen. Nicht zuletzt braucht es die Bereitschaft aller Bürger, persönlich rechtschaffen zu sein. Wie man diese Aufgaben in der Welt realisiert, ist immer wieder neu zu überlegen. Die Ausbildung hierzu muss möglichst früh ansetzen und dabei der Gefahr entgegenarbeiten, dass der Mensch sich angewöhnt, was ich die Sophisterei der Ausnahme nenne: Man darf sich nicht das „Recht zu einer Ausnahme“ erlauben, obwohl ein Gutteil unserer führenden Köpfe sich immer wieder dieses Recht anmaßt. Um das zu verhindern, kann ein Weltethos helfen.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otfried Höffe (1943) ist Emeritus des Lehrstuhls für Philosophie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Der Gründer und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie ist Senator der Nationalakademie der Wissenschaften (Leopoldina), Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und als einziger Ausländer Mitglied der Akademie für Weltweisheit und Philosophie in Teheran. In mehr als 20 Sprachen übersetzt, ist Höffe vor allem für seine Arbeiten über Kant und Aristoteles sowie für seine zahlreichen Schriften zur Ethik, Rechts-, Staats- und Wirtschaftsphilosophie bekannt. Zum Verhältnis von Wirtschaft und Ethik referierte Höffe zuletzt Anfang des Jahres im Rahmen der Vortragsreihe „Markt, Mensch und Moral“, die die Karl Schlecht Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Stiftung an der Bucerius Law School in Hamburg initiiert hat.

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Erstellt:
5. Mai 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Mai 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Mai 2014, 12:00 Uhr

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