Tübingen · Diebstahl

Gesucht: Fahrrad mit Erinnerungswert

Ein altes Fahrrad wird aus der Radexpresshalle am Bahnhof geklaut. Der Eigentümer versucht nun alles, es wiederzubekommen. Denn mit seinem Rad verbindet ihn eine jahrzehntelange Geschichte.

12.08.2022

Von Lisa Maria Sporrer

Manfred ist inzwischen 30 Jahre älter, an seinem Fahrrad hat sich aber kaum etwas geändert. Privatbild

Manfred ist inzwischen 30 Jahre älter, an seinem Fahrrad hat sich aber kaum etwas geändert. Privatbild

Seine harsche Reaktion ist ihm jetzt ein bisschen peinlich. Auf dem ersten Zettel, auf dem er eine Belohnung ausgelobt hat für „sachdienliche Hinweise, die zur Wiedererlangung meines geliebten Fahrrads“ führen, betitelt er den Dieb als einen „Dreckbären, der diese Schandtat verübt hat“. Er war so wütend, sagt er, so enttäuscht, so traurig, deshalb habe er etwas emotional reagiert.

Mittlerweile hat Manfred, Jahrgang 1952, rund um den Tatort, die Radexpresshalle beim Bahnhof, neue Zettel aufgehängt. Mit denen hofft er sein Rad wiederzubekommen, an dem er so hängt. Vielleicht ist das albern, sagt er. Es gebe schließlich schlimmere Dinge in der Welt, viel schlimmere. Aber sein Herz hängt eben an dem Rad, 56 Jahre lang war es ihm ein treuer Begleiter, ein schmerzlicher Verlust für ihn – auch das steht jetzt neben der Beschreibung des Fahrrads auf den Zetteln.

Vom Konfirmationsgeld gekauft

Am 12. Juli hat er sein Rad, Marke Staiger, Typ Luxus, frühmorgens in die Radexpresshalle gebracht und dort angeschlossen. Mit dem Zug wollten er und seine Frau nach Karlsruhe in den Zoo fahren, um das kleine Flusspferd-Kind „Halloween“ zu besuchen. Etwas mulmig wurde ihm, als er in der Rad-Tiefgarage an diesem Morgen drei Männer bemerkte, die Schlösser knackten. Sie wiesen sich aber als städtische Mitarbeiter aus, die alte Fahrräder, die schon zu lange unbenutzt dort herumstanden, entfernten. Einen habe er noch besorgt gefragt, ob er nun auch befürchten müsse, dass sie sein Fahrrad entfernten. Schließlich sei es nicht der neueste Jahrgang.

Das Rad hat sich Manfred 1967 als 14-Jähriger von seinem Konfirmationsgeld gekauft. Seine Mutter, erzählt er, hatte ein ganz altes Fahrrad, darauf habe er als 12-Jähriger fahren gelernt. „Damals war ein Fahrrad ja noch etwas sehr Wertvolles.“ 235 Deutsche Mark gab er nach der Konfirmation für sein Rad aus und es begleitete ihn fortan ständig – auf Schwarzwaldtouren, in die Vogesen, von Marburg nach Bremerhaven. Überall war das Rad dabei, nicht nur im Alltag, auch beim Urlaub, etwa in der Bretagne. Es war sein treuer Begleiter, deshalb dachte er auch nie wirklich daran, sich ein modernes Rad zu kaufen. „Da hängen so viele Erinnerungen dran. Außerdem reicht das vollkommen.“ Als er es allerdings am Abend des 12. Juli, nach dem Besuch im Karlsruher Zoo, aus der Tiefgarage holen wollte, war es weg. Sein erster Gedanke, und auch seine Hoffnung, sagt er: Die Mitarbeiter der Stadt haben es entsorgt. Deshalb rief er am nächsten Tag frühmorgens bei der Verwaltung an. Die Räder, die von der Stadt entfernt werden, landen beim „Radstall“ in der Weststadt. Er fuhr hin und durfte sich dort die Räder anschauen, die die städtischen Mitarbeiter dorthin gebracht hatten. Seins war nicht dabei.

 



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Da war er sicher, dass es geklaut wurde und er verfasste die Zettel, mit denen er nach seinem Fahrrad suchen wollte, die ersten Zettel, auf denen das Wort „Dreckbär“ stand. Am folgenden Tag, den 14. Juli, ging er zur Polizei. In der Strafanzeige, die er an diesem Tag stellte, vermerkte die Polizei einen „besonders schweren Fall des Diebstahls“ – weil das Rad abgeschlossen war. Man werde sich kümmern, sagten die Beamten. Immerhin gebe es in der Tiefgarage Videoüberwachung.

Manfred verfasste in der Zwischenzeit eine aktualisierte Version seiner Fahrrad-Such-Aktion, hängte sie in der Radexpresshalle und rund um den Bahnhof aus. Ab und an geht er noch zum Bahnhof und schaut, ob die Zettel noch da hängen. Unter einem der Zettel klebte ein kleiner Umschlag. Darin hatte anonym jemand ein kleines Brieflein mit Tipps verfasst. „Hallo Radler...“ beginnt der Brief, der dann aufführt, dass geklaute Räder auch mal umlackiert und in Internetmarktplätzen angeboten werden.

Videoüberwachung zeigt Dieb

Auch da schaut Manfred nun regelmäßig, ob er sein Fahrrad wiedererkennt. Schließlich hat es ein paar auffällige Merkmale: Weißwand-Reifen, eine Original-Torpedo-Dreigang-Schaltung, eine rote Schaltmechanik am Lenker, grün-braune Rahmenfarbe, längs geriffelte Schutzbleche aus Alu und vor allem: ein metallenes Staiger-Emblem in Form eines Flügels auf dem Vorderrad-Schutzblech. Sowas fällt auf, weil es heutzutage verboten ist herzustellen. Zu groß ist wohl die Verletzungsgefahr, weil dieser Flügel sich ganz plastisch vom Schutzblech abhebt.

Vor einer Woche, am 4. August, rief er erneut bei der Polizei an. Tatsächlich hatte die Videoauswertung etwas ergeben. Zu sehen war der Täter, wie er den Fahrradkorb vom Rad entfernte und einen eigenen darauf befestigte. Nicht alle Stellen in der Radexpresshalle sind per Videoüberwachung einsehbar. Sein Rad stand in einem toten Winkel. Die Gänge aber sind einwandfrei auf den Videoaufzeichnungen zu erkennen. Und in einem dieser Gänge werkelte der Dieb am Fahrradkorb rum und schob schließlich Manfreds Fahrrad davon.

Seitdem hat sich nichts mehr getan. Einmal rief die Polizei ihn noch an, um mitzuteilen, dass es keine neuen Erkenntnisse gebe. Der Polizei ist er trotzdem sehr dankbar. „Eigentlich ist das ja eine Lappalie, so ein Fahrrad-Klau. Aber es hat mich doch gefreut, dass die Polizei sich mit der Videoauswertung so bemüht hat, zu helfen“, sagt er. Seine Frau hat schon überlegt, ob sie Manfred zu seinem runden Geburtstag am kommenden Wochenende ein neues Fahrrad schenken soll. Eigentlich aber, sagt Manfred, wolle er kein neues Rad. Am liebsten hätte er sein 56 Jahre altes Rad zurück, ihm gehe es auch nicht darum, dass der Dieb bestraft wird. Vielleicht könne er es auch einfach anonym zurückgeben. Seine Telefonnummer steht auch auf den Zetteln: Tü-26647. „Das wäre für mich das schönste Geburtstagsgeschenk“, sagt er.

Was gegen Diebstahl hilft, was die Polizei tun kann

Das Fahrrad zu fotografieren, sei schön fürs Wohnzimmer oder für private Suchaktionen, sagt Christian Wörner von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Reutlingen. „Das A und O ist aber die Rahmennummer.“ Hierfür eignet sich ein Fahrradpass, den es auch auf jedem Polizeirevier gibt. Alle wichtigen Daten eines Rades, die auch im Fahrradpass notiert sind, werden in eine Datenbank eingegeben und mit einer Nummer versehen. Diese Nummer wird auf einem Aufkleber am Rad angebracht. Wird das Rad gestohlen und von der Polizei gefunden, kann es dem rechtmäßigen Besitzer schnell zugeordnet werden. Noch mehr Tipps gibt es, damit es erst gar nicht zum Diebstahl kommt: Den besten Diebstahl-Schutz bieten stabile Ketten-, Bügel- oder Faltschlösser. Dünne Ketten-, Bügel-, oder Kabelschlösser dagegen, lassen sich leicht „knacken“. Diebstahlschutz mit GPS-Tracking:GPS-Tracker sind versteckte Sender am Fahrrad, die den Besitzer per SMS alarmieren, wenn das abgestellte Rad bewegt wird. Zudem übermitteln sie laufend den aktuellen Standort des Fahrrades.