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Leitartikel Bildung

Gespür vermitteln

Jetzt hat es auch die neue Bundesbildungsministerin gesagt. Anja Karliczek findet, dass jedes Kind in der Schule programmieren lernen soll. Vor ihr fanden das auch schon Kanzlerin Angela Merkel, Digital-Staatssekretärin Dorothee Bär, Bitkom-Präsident Achim Berg und – vor etwas längerer Zeit – der Damals-noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel.

05.04.2018
  • MATHIAS PUDDIG

Berlin. Die Idee, Schüler vor Computer zu setzen und Code schreiben zu lassen, kommt seit Jahren immer wieder auf. Richtiger wird sie aber nicht. Denn hinter ihr steckt ein Missverständnis.

Zugegeben, dieses Missverständnis erwächst aus einer guten Absicht. Die Kinder sollen zukunftsfest gemacht werden für eine Welt, von der noch niemand weiß, wie sie sein wird. Sicher sind bloß zwei Dinge: Sie wird anders sein als die, die wir kennen, und sie wird höchstwahrscheinlich digitaler sein.

Ersteres aber spricht auch schon gleich gegen das Programmierenlernen. Denn was ebenfalls niemand weiß, ist, mit welcher Programmiersprache, mit welchen digitalen Systemen, unter welchen Paradigmen in Zukunft gearbeitet wird. Im schlimmsten Fall sind die Werkzeuge, die den Schülern gegeben werden, schon beim Berufseintritt veraltet. Selbst Google-Gründer Sergey Brin hat lange das Potenzial der künstlichen Intelligenz unterschätzt. Wie sollen da die Bildungssysteme der Bundesländer, die eher als schwergängig bekannt sind, hinterherkommen? Die Idee, dass Lehrpläne mit dem technischen Fortschritt Schritt halten, ist – vorsichtig gesagt – optimistisch.

Dabei müssen sie das gar nicht. Denn viel wichtiger ist es, den Kindern ein allgemeines Verständnis dafür mitzugeben, wie das Digitale funktioniert. Diese Kompetenz darf nicht – dies ist das Missverständnis! – mit dem Programmieren verwechselt werden. Denn viel zu groß ist die Gefahr, den Schülern ein paar Pflichtstunden Code-Schreiben aufzutragen und damit das Problem für gelöst zu halten. Das ist es nicht.

Stattdessen brauchen die Schüler ein Gespür für die Technik dahinter – und dafür, dass mit ihr kritisch umgegangen werden muss. Sie müssen verstehen, was an Facebooks laxem Umgang mit ihren Daten problematisch ist. Sie müssen sehen, dass es im digitalen Raum Regeln gibt wie im analogen. Und sie müssen begreifen, dass in einem Computer (egal ob auf dem Schreibtisch oder in der Jackentasche) keine Magie steckt, sondern Platinen, denen sie nicht mit Ehrfurcht entgegentreten dürfen. Denn die Platinen können auch nicht mehr als das, was ihnen zuvor beigebracht wurde. Wenn die Schüler dann diejenigen sein wollen, die ihnen das beibringen: Nur zu! Vor ihnen liegt eine Menge Arbeit. Denn fürs Programmieren sind mathematische Grundlagen, logisches Verständnis und Lesekompetenz nötig.

Wer das schafft, der hat den anderen Schülern einiges voraus. Das müssen aber längst nicht alle können. Denn im Zentrum des Schulunterrichts sollten andere Frage stehen: Wie mache ich mir die Technik klug und kritisch zunutze, und wie verhindere ich, dass die Technik mich bevormundet?

leitartikel@swp.de

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05.04.2018, 06:00 Uhr
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