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Ein brauner Hardcore-Verlag

Geschichtswerkstatt eröffnete Ausstellung zum Grabert-Komplex

Vor einem rund 50-köpfigen Publikum eröffnete die Geschichtswerkstatt am Montagabend in der Volkshochschule die Ausstellung über die Grabert-Verlage: „Braune Geschichtslügen aus Tübingen“.

10.11.2010

Tübingen. Der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung war nicht zufällig gewählt. Einen Abend vor den Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht lud die Tübinger Geschichtswerkstatt in die Caféteria der Volkshochschule (vhs), um der Öffentlichkeit ihren jüngsten Tätigkeitsnachweis zu zeigen: 13 Tafeln Geschichte und Geschichten über die Tübinger Grabert-Verlage.

„Braune Geschichtslügen aus Tübingen“, so der Titel der Ausstellung. Noch nie, sagte die Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Ulrike Baumgärtner, sei das Thema „so faktenreich aufgearbeitet worden wie hier.“ Seit Mitte der 50er Jahre trieben zunächst der Grabert-, später auch der Hohenrain-Verlag „hier ihr Unwesen“.

Zahlen hatte ein unter dem Pseudonym Philip Reisinger auftretendes Werkstattmitglied parat: Rund 400 Titel haben die Grabert-Verlage in 58 Jahren herausgegeben, in den Zeitschriften wurden mehr als 4000 Beiträge veröffentlicht – von 500 bis 600 Autorinnen und Autoren der extremen Rechten. Der Verlag mit angeschlossener Versandbuchhandlung sei somit wichtiges publizistisches Zentrum „extrem rechter Ideologieproduzenten“, die deutsche Kriegsschuld und Holocaust relativierten, völkisches Denken und antisemitische Ressentiments verbreiteten.

Bis heute. Helmut Schröcke etwa behauptet im 2009 erschienenen Buch „Der Zweite Weltkrieg“, die „Hochfinanz und die von ihr gesteuerten Mächte“ seien letzte Verursacher und Hauptschuldige des Zweiten Weltkriegs gewesen. Zur „internationalen Hochfinanz“ zählt Schröcke laut Reisinger „einflussreiche jüdische Einzelpersonen und jüdische Banken“.

Eine ominöse Spende beschäftige derzeit die Behörden, so Reisinger. So habe kürzlich ein „Verein zur Pflege nationaler Politik“ der NPD eine Spende über 150 000 Euro überwiesen. Die Adresse des Vereins sei mit der von Rolf Kosiek identisch. Kosiek, Rechtsextremist und einstiger Chefideologe der NPD, sei vermutlich seit Anfang der 80er Jahre zweitwichtigste Person bei Grabert.

Extrem rechte politische Einstellungen sind nicht nur ein Randphänomen, warnte Lucius Teidelbaum, ebenfalls das Pseudonym eines Mitglieds der Geschichtswerkstatt. So verfügten laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung über ein rechtsextremes Weltbild, jeder Zehnte wolle „einen neuen Führer“.

Anlass also genug, sich der Grabert-Verlage anzunehmen. Aufklärung wolle die Geschichtswerkstatt mit ihrer Ausstellung betreiben, sagte Jens Rüggeberg, sensibilisieren und das Bewusstsein schärfen. Etwas könne auch der Tübinger Gemeinderat tun. Um den „braunen Hardcore-Verlag“ zu ächten, solle er die Grabert-Verlage in einer gemeinsamen Resolution zu „in Tübingen unerwünschten Verlagen“ erklären.

Info: Die Ausstellung dauert noch bis zum 17. Dezember. Begleitend dazu werden Vorträge zu Grabert und rechter Publizistik angeboten.

Manfred Hantke

Die Ausstellung „Braune Geschichtslügen aus Tübingen“ spannt einen weiten Bogen: In den Fokus genommen hat die Geschichtswerkstatt etwa die Aktivitäten des Gründers Herbert Grabert in der „Deutschen Glaubensbewegung“ und im Nationalsozialismus, die revisionistische Geschichtsschreibung seit Mitte der 50er Jahre, antisemitische Tendenzen in den Publikationen, die zahlreichen Gerichtsprozesse wegen der Holocaust-Leugnung sowie die Netzwerke des Grabert-Komplexes. Bild: Metz

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Erstellt:
10. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. November 2010, 12:00 Uhr

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