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Literatur

Gesang einer Namenlosen

Eine Geschichte der Selbstentdeckung und Selbstbehauptung: Karen Köhlers Romandebüt „Miroloi“ ist auch ein sprachliches Ereignis.

19.08.2019

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Ein einsames Dorf auf einer Insel mit einer archaischen Gesellschaft: Dort spielt Karen Köhlers „Miroloi“. Foto: Uta Scholl/Shutterstock.com

München. Selbst das Meer gehört nur sich selbst, nicht mal den Fischen. Die junge Frau möchte auch nur sich selbst gehören: „Wenn du dir nicht selbst gehört, bist du nicht frei.“ Und frei sein, das möchte sie endlich. Eigentlich will die Erzählerin in Karen Köhlers fulminantem Debütroman „Miroloi“ gar nicht viel. Doch in ihrer engen Welt ist das schon unmöglich.

Ein Miroloi ist ein Totenlied der Frauen in der griechisch-orthodoxen Kirche. Und Köhler lässt ihre Erzählerin singen, 128 Strophen, doch sie singt vom Leben – in ganz eigenen Ton.

Die junge Frau, noch nicht 16, lebt im „schönen Dorf“ auf der „schönen Insel“. Es ist für die Bewohner das schönste Dorf, die schönste Insel – sie kennen nichts anderes, wollen nichts anderes kennen. Es ist ihre ganze Welt, eine archaische Welt ohne Strom und Straßen; für Oliven, Öl, Schnaps werden ein paar Zivilisationsgüter eingetauscht, wenn ein Händler mit dem Boot kommt.

Im Dorf der tausend Augen

Die Tage der Menschen „sind bis an den Rand mit Arbeit gefüllt, es passt kaum noch etwas hinein“. Es ist ein Leben nach ehernen, patriarchalischen Regeln, mit drakonischen Strafen, eine isolierte, hermetische Gemeinschaft ohne Freiräume für den Einzelnen: „Unser Dorf hat tausend Augen, die sehen alles, alles, alles.“ Das Dorf hat auch Nasen, die bis in die Seelen riechen, und was Augen nicht sehen und Nasen nicht riechen, das hören die Ohren. Und ein Ältestenrat wacht unbarmherzig über das Dorf und seine Gesetze.

Als Baby vor dem Gebetshaus abgestellt, vom Dorfpriester aufgezogen, ist die Erzählerin eine Ausgestoßene. Weil sie sich einmal gegen einen bösen Jungen gewehrt hat und brutal bestraft wurde, hinkt sie zudem. Sie hat keine Eltern, kein Stammbuch, nicht einmal einen Namen. „Also gibt es mich eigentlich nicht“, sagt sie und erkennt, dass da etwas nicht stimmen kann. Sie beginnt zu zweifeln, Fragen zu stellen.

Von der Insel fliehen? Wie soll das gehen, das hat noch niemand geschafft. Etwas beginnt in ihr aufzubegehren, aber sie will ja nur einen Namen haben, einen Platz im Leben finden, überhaupt jemand sein.

Eine alte Frau ist ihr zugewandt, und der Dorfpriester, der Bethausvater, auch. Er bringt ihr heimlich Lesen und Schreiben bei, gibt ihr ein Säckchen mit Steinen, auf jeden ist ein Buchstabe gemalt. „Ich leere das Säckchen aus. Alle Buchstaben, die es gibt, liegen auf meinem Bauch. Alle Worte, die es gibt, liegen auf meinem Bauch. Die ganze Welt liegt auf meinem Bauch.“

Sie findet eine Freundin, und dann verliebt sie sich in einen Klosterschüler – alles im Geheimen. Und endlich bekommt sie, von ihrem Liebsten, einen Namen. Wohin führt das alles . . .?

Einen Namen erhalten, die Dinge beim Namen nennen: „Miroloi“ ist eine Geschichte von Selbstentdeckung und Selbstbehauptung. Der Schauplatz der Geschichte ist kein konkreter Ort, auch die Zeit der Handlung wird nicht genannt. Man mag an eine griechische Insel denken, aber darum geht es nicht. Köhlers Insel, Köhlers Dorf sind gleichermaßen literarische Orte wie sie eine präzise soziale Chiffre sind – jedes Detail lebt, ist glaubwürdig, wahrhaftig, typisch.

Karen Köhler ist über das Theater zum Schreiben gekommen. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß, wie sie für ihre Figuren die jeweils passende Stimme gesucht hat. Das zeichnet auch ihre literarischen Figuren aus: Die Sprache von „Miroloi“ ist schroff und zart, geschmerzt und heilsam. Und über die Sprache findet die junge Frau zu sich selbst und eignet sich die Welt an.

„Miroloi“ berührt und fesselt, ist tiefgründig, psychologisch stimmig und in faszinierender Eigenart geschrieben. Ein großes Romandebüt.

Karen Köhler. Foto: Christian Rothe Foto: Christian Rothe

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Erstellt:
19. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 06:00 Uhr

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