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Theater

Geplatzte Träume des Mittelstands

Ulrich Matthes spielt in Berlin „Tod eines Handlungsreisenden“. Es ist das ergreifende Stück der Stunde.

20.03.2017
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Bürgerliche Gesellschaftsstücke kamen ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts massenweise aus Amerika. Und jetzt beherrschen sie wieder die deutschen Spielpläne. Eugene O‘Neill, Tennessee Williams, Edward Albee und vor allem Arthur Miller haben ihr Comeback. Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ bildet in der Tat einen kompakten Einführungskurs ins „abgehängte“ ländliche Amerika des Donald Trump: der Mittelstand in Existenznot, haltlose Heilsversprechungen der Regierung mit Worten, denen im kapitalistischen Wirtschaftssystem keine Taten folgen. Das führt zu Glaubwürdigkeitskrisen und Identitätsverlusten bei den Betroffenen, die sich in ihren Träumen von einem besseren Leben alleingelassen fühlen und sich schließlich selbst aufgeben, wenn kein Retter naht. Davon, genau davon handelt das zum Menetekel gewordene Stück Arthur Millers als Sozialdrama mit (zwischen)menschlicher Tiefenschärfe.

Der abgearbeitete Handlungsreisende Willy Loman wird entlassen und weiß nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll. Nichts klappt. Er lügt und betrügt sich selbst, von einer Illusion in die nächste tappend. Jeder Traum wird ihm zum Traumata. Seine trotz allem tapfer zu ihm haltende Frau kann die beiden ebenfalls von Versagerängsten getriebenen Söhne nicht davon abhalten, sich als etwas Besseres zu fühlen. Das tragische Ende nimmt Bastian Krafts Inszenierung am Berliner Deutschen Theater statt als Requiem als eine Art Prolog – soll heißen: Die Gegenwart der Handlung erklärt sich ganz aus ihrer Vergangenheit.

Exzellenter Ulrich Matthes

Normalerweise kommt Millers Abstiegs-Lamento hochpathetisch über die Rampe. Nicht so hier. Eine Ausnüchterung findet statt. Und das ist das Verdienst der exzellenten Darsteller. Ulrich Matthes in der Titelrolle verinnerlicht den Wirklichkeits-Flüchtigen mit sanfter Gefasstheit: meistens wie erloschen apathisch, gelassen, manchmal im impulsiven Aufbrausen trocken-witzig den andern ins Wort fallend. Er lässt sich bei aller Melancholie von seinen Hoffnungsworten kurzfristig schwebeleicht berauschen, ist fassungslos auf alles gefasst und sichtbar tief enttäuscht von seinen beiden egozentrischen Taugenichts-Söhnen.

Am Schluss dieses Inszenierung schleicht der wegen einer hohen Lebensversicherung zugunsten seiner verarmten Familie zum Selbstmord Entschlossene gottergeben als gebrochener Mann im Dämmerlicht von dannen – nicht ohne noch kurz einen, fast möchte man meinen, mitleidigen Blick ins Publikum zu werfen. Christoph Müller

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20.03.2017, 06:00 Uhr
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