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Forschung

Geographie des Grauens

Der Freiburger Journalist Klaus Riexinger untersucht ein Außenlager des KZ Natzweiler. Unterstützt wird er vom Landesamt für Denkmalpflege und von moderner Technik.

26.02.2018
  • HANS GEORG FRANK

Kochendorf. Klaus Riexinger (50) befasst sich seit 20 Jahren intensiv mit einer der Außenstellen des Konzentrationslagers Natzweiler im Raum Heilbronn. Ihm ist mit zu verdanken, dass dieses Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit geraten ist. Im Salzbergwerk Kochendorf erinnert ein musealer Bereich an das Leiden und Sterben der Zwangsarbeiter. Als sich Riexinger 1998 des tragischen Themas annahm, wurde er „von vielen Seiten angefeindet“, erinnert sich der in Freiburg lebende Journalist. Jetzt bekommt er – wie viele andere örtliche Initiativen – Unterstützung vom Landesamt für Denkmalpflege.

Auf vier Jahre ist ein Projekt angelegt, das die Standorte des KZ im Elsass in den Fokus rückt. Rund 35 dieser Außenstellen gab es im heutigen Baden-Württemberg, etwa noch einmal so viele auf französischem Gebiet. Die staatlichen Denkmalpfleger wollen nun alle noch vorhandenen Überreste erfassen. Dabei bauen sie einerseits auf die Vorarbeiten lokaler Idealisten, andererseits bereichern sie deren Leistung durch weitere Erkenntnisse.

„Das Projekt ist sehr wertvoll“, sagt Klaus Riexinger. Gerade hat er die Archäologen Barbara Hausmaier und Christian Bollacher in Kochendorf, einem Stadtteil von Bad Friedrichshall im Kreis Heilbronn, zu den Überresten des Außenlagers geführt. Dabei wurde ihm, dem Experten mit Ortskenntnis, ein Foto mit kaum erkennbarem Fundament unter Gras gezeigt. „Diese Mauerreste kannte ich noch gar nicht, ich sehe da nur Gras, sonst nichts.“ Es handelt sich um den Grundriss einer KZ-Baracke.

Nun soll mit neuer Technik wie Georadar auch nach jenen Gräbern gesucht werden, die bisher in der Erde verborgen blieben. Bei Kochendorf wollten Franzosen bereits in den 1950er Jahren eine Grube mit schätzungsweise 30 Leichen finden. Sie hatten jedoch keinen Erfolg.

Die Dimensionen der Außenlager sind mancherorts gigantisch. Für die unterirdische Produktion im Salzbergwerk wurden rund 50 leere Kammern ausgesucht, lediglich ein gutes Dutzend ist bisher erforscht. Vom großen Rest existiert immerhin eine Fotodokumentation. Klaus Riexinger hat akzeptiert, dass nicht alles im Originalzustand gesichert werden kann: „Das ist natürlich ein Verlust, aber man muss pragmatisch sein, weil der Erhalt nur mit Millionenaufwand möglich wäre.“

Die derzeitige Bestandsaufnahme ist umso wichtiger, als Zeitzeugen „in absehbarer Zeit verstummt“ sein werden, wie die Denkmalpfleger wissen. Wenn die Generation der Männer und Frauen, die den Terror aus eigenem Erleben schildern könne, nicht mehr lebe, rückten „materielle Hinterlassenschaften ins Blickfeld der neuen Aufmerksamkeit“.

Die Experten für die zeitgeschichtliche Archäologie begreifen die Relikte als „historische Quellen“, die sie mit einem speziell zugeschnittenen Methoden- und Fragenkatalog erschließen wollen. Damit sollen auch Lücken geschlossen werden in den schriftlichen und mündlichen Überlieferungen.

Neue Erkenntnisse seien willkommen, weil ein großer Teil der Lebenswirklichkeit in den NS-Terrorlagern weder in historischen Dokumenten noch in den Erinnerungsberichten auftauche. Oftmals seien auch Akten vernichtet worden. Grabungen sollen Strukturen und Objekte zu Tage fördern. Dabei hoffen die Spezialisten auf „neue Einblicke in die bauliche Gestalt und Entwicklung sowie die logistische Organisation der Lager“. Auch die Herkunft und das Alltagsleben der „internierten Häftlingsgesellschaft“ kann möglicherweise konkreter abgebildet werden.

Es ist ein weites Feld, das unter denkmalfachlichen Gesichtspunkten evaluiert werden muss. Von Sandhofen bei Mannheim bis nach Spaichingen, von Offenburg bis Ellwangen erstreckte sich das Netz der Außenlager allein im Südwesten. Dazu gehörten noch bestehende Schiefersteinbrüche Salzbergwerke und Gipsgruben, aber auch „Totalverluste“, wie die Wissenschaftler nicht mehr vorhandene Standorte bezeichnen. Aber dank Luftbildanalysen und Geomagnetik lohne sich der Blick in den Boden auch dort, wo oberflächlich betrachtet nichts mehr zu erkennen sei.

Noch immer seien die Reste der NS-Vernichtungspolitik nicht gefeit vor „unsensibler Behandlung oder gedankenloser Beseitigung“. Das Projekt will deshalb ein „nachhaltiges Schutzkonzept“ erarbeiten. Wesentliches soll von Unwesentlichem getrennt werden, um letztlich Erhaltenswertes unter Denkmalschutz zu stellen. Dann können, wie in Kochendorf geschehen, Mauerreste von KZ-Baracken nicht mehr mit dem Pflug beseitigt werden.

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26.02.2018, 06:00 Uhr
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