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SPD

Genossin gegen Genosse

Andrea Nahles gegen Kevin Kühnert, Zustimmung zur Großen Koalition oder Chaos für die Sozialdemokratie: Die umstrittene Mitgliederbefragung läuft.

22.02.2018
  • MATHIAS PUDDIG

Berlin. Als Andrea Nahles auftritt, hat ihr Statement etwas Staatstragendes. Das Haar streng zurückgebunden, die Stirn in Falten gelegt, das Lächeln dünn, spricht sie über den Mitgliederentscheid. Gleich zwei Mal nennt sie die Abstimmung eine „Sternstunde der innerparteilichen Demokratie“.

Seit dieser Woche dürfen 463 723 SPD-Mitglieder abstimmen, wie es weitergeht: mit Nahles, mit der Sozialdemokratie und auch mit Deutschland. Geben sie ihr Okay für eine Koalition mit der Union, bekommt Deutschland Mitte März eine neue Regierung. Verweigern sie die Zustimmung, ist alles offen. Der SPD-Vorstand müsste abtreten, denn er wirbt geschlossen für ein Ja.

Die oberste Werberin ist Fraktionschefin Andrea Nahles. Die 47-Jährige wirft ihr gesamtes politisches Gewicht in die Debatte. Ein Scheitern wäre katastrophal. Eine Situation wie diese hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Und Andrea Nahles, die sonst kaum einen Schritt geht, ohne ihn vorher intensiv überprüft und für gut befunden zu haben, muss jetzt um die Zukunft der SPD und der Bundesrepublik kämpfen – in einer Situation, in der es einfach keine bewährten Wege gibt.

Ihr gegenüber steht Kevin Kühnert. In nur 90 Tagen hat es der Juso-Chef vom unbekannten Studenten mit Sitz in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg zum politischen Überflieger seiner Generation geschafft. Seit dem Beginn der No-GroKo-Kampagne hat Kühnert hunderte Interviews gegeben und ist tausende Kilometer durchs Land gereist. Er selbst sagt, dass er das, was ihm gerade passiert, sowieso erst viel später wirklich verarbeiten kann. Mit 28 Jahren ist er einer der gefragtesten Männer der Republik. Manche halten ihn auch für einen der gefährlichsten. „Er merkt jetzt, wie es ist, im Mittelpunkt zu stehen und auch angegriffen zu werden“, sagt Carsten Schneider, Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Anders als Nahles hat Kühnert aber nichts zu verlieren. Egal, wie das Votum ausgeht, er hat schon jetzt bleibenden Eindruck hinterlassen.

Das Ringen ist ein Fernduell. Nahles spricht nur auf den Regionalkonferenzen der Bundes-SPD. Und der Herausforderer? Sollte Kühnert das direkte Duell mit ihr suchen, könne er ja diese Konferenzen besuchen, heißt es lapidar aus dem Willy-Brandt-Haus. Der Juso-Chef veranstaltet jedoch lieber seine eigene Tour. Und so ziehen beide durchs Land, ohne direkt aufeinander zu treffen. Übereinander reden sie auch nicht. Kühnert äußert sich generell nicht zu Personalien, und Nahles hält sich mit Angriffen zurück.

Die Stimmung ist unklar

Stattdessen kommen sie mit hunderten Genossen ins Gespräch. Die Stimmung, die ihnen entgegenschlägt, ist diffus. Natürlich gibt es die Jusos, die sich um nichts in der Welt zur dritten Großen Koalition durchringen können. Und es gibt die Mandatsträger, die an die staatspolitische Verantwortung der Mitglieder appellieren. Aber es gibt auch Leute wie die 31-jährige Cathy Bockelmann, die sich nach zwei langen Debatten als einziges Juso-Mitglied ihres Unterbezirks von der Großen Koalition überzeugen ließ und sich trotzdem gegen Andrea Nahles ausspricht. Es gibt Leute wie Günter Verheugen. Dem früheren Bundes- und EU-Politiker fehlt es sicherlich nicht an staatspolitischer Verantwortung, und doch sagt er: „Wenn mir irgendjemand erzählt, wir könnten gleichzeitig die Fragen der Zukunft beantworten und dieses Programm ausführen, dann ist er ein Träumer.“

Es gibt Genossen, die vor Wut kochen und dem Verhandlerteam Verrat vorwerfen. Und es gibt welche wie Konrad Elmer. Der frühere DDR-Oppositionelle hält es für eine Mär, dass die Erneuerung der Partei in der Opposition besser gelingt. „Wählt Delegierte, die euch vertreten!“, mahnt er die Basismitglieder stattdessen.

Ob GroKo-Befürworter oder -Gegner bei den hunderten Debatten aber die Mehrzahl stellen, ist nicht auszumachen. Nach Prognosen gefragt, sagen die meisten SPD-Mitglieder nur, dass sie mit einem knappen Ergebnis rechnen. Wohl auch deshalb können Nahles und Kühnert gleichermaßen behaupten, weiter optimistisch zu sein.

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22.02.2018, 06:00 Uhr
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