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Wissenschaft

Genial oder gefährlich?

Forscher versuchen, ausgestorbene Arten wiederzubeleben oder das Verschwinden bedrohter Spezies zu verhindern. Das stößt nicht nur auf Beifall.

24.06.2019

Von GIOIA FORSTER, CHRISTIAN THIELE UND CHRISTINA HORSTEN

„Sudan“, das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn, starb voriges Jahr und die Unterart damit fast aus. Vielleicht ist sie noch zu retten. Foto: Str/AP/dpa

Der Tod des Nashorns Sudan im vergangenen Jahr in Kenia ging um die Welt. Unter den Tieren war der Bulle ein Promi: Sudan war das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn auf der Erde. Mit seinem Tod starb die Unterart fast aus. Doch die Wissenschaft könnte sie möglicherweise retten.

Mit moderner Technik arbeiten Wissenschaftler daran, ein kleines Nördliches Breitmaulnashorn zu schaffen. Forscher am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) wollen Eizellen der beiden letzten Weibchen in Kenia im Labor mit Sperma von bereits gestorbenen Männchen befruchten. Ein Weibchen des eng verwandten Südlichen Breitmaulnashorns könnte das Baby dann später austragen.

Zunächst würden die Methoden getestet, erklärt Steven Seet vom IZW. Eizellen seien von Südlichen Breitmaulnashörnern in Zoos entnommen und mit Sperma vom Nördlichen Breitmaulnashorn befruchtet worden. Das Hybrid-Embryo wurde dann einem weiblichen Südlichen Breitmaulnashorn eingepflanzt. Der Transfer sei erfolgreich gewesen, noch stehe aber nicht fest, ob sich das Embryo in der Gebärmutter eingenistet habe.

6000 Kilometer entfernt, in einem Labor der Harvard University in Boston, soll ein Tier wiederbelebt werden, das seit 10 000 Jahren ausgestorben ist: das Wollhaarmammut. Dahinter steckt George Church, Superstar unter den Genforschern. Das Tier wird nicht geklont, dafür reicht das gefundene Genmaterial von Mammuts nicht aus. Stattdessen entnehmen Church und sein Team bestimmte DNA-Teile des Mammut-Genoms und fügen die in Zellen von Elefanten ein. Dabei nutzen sie neue Technologien wie die Genschere CRISPR-Cas9, mit der DNA gezielt zerschnitten werden kann.

Genau genommen wird kein Mammut kreiert, sondern ein neues Tier. „Wir versuchen einen Elefanten zu schaffen, der gegen Kälte und Wilderei resistent ist“, erklärt Church. Man könne bei dem Tier etwa die Größe der Stoßzähne reduzieren, um das Risiko des Wilderns zu reduzieren. Allerdings könne es frühestens in vier Jahren erste Ergebnisse geben, die Elefanten ähneln. An der US-Westküste will derweil Ben Novak mit ähnlichen Methoden die Wandertaube wiederbeleben. Sie zog einst in riesigen Schwärmen über Amerika, wurde aber Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Bis zu den ersten Küken werde es wohl noch fünf bis zehn Jahre dauern, sagt der Forscher der University of California in Santa Cruz. „Nach 2025 ist möglich, aber wahrscheinlich eher näher an 2030.“

Die einzige Tierunterart, die bislang tatsächlich wiederbelebt wurde, ist der Pyrenäensteinbock. Das letzte Tier starb 2000, vorher wurde ihm eine Zellprobe zum Klonen entnommen und eingefroren. Das daraus geklonte Kitz – ausgetragen von einer anderen Steinboch-Variante – lebte aber nach der Kaiserschnitt-Geburt nur wenige Minuten. Befürworter von De-Extinction – also dem Wiederbeleben ausgestorbener Tierarten – versichern, dass es nicht um Schlagzeilen geht. „Wir wollen Biotechnologien einsetzen, um zum Naturschutz beizutragen und mehr Biodiversität zu schaffen“, sagt Ryan Phelan, die Leiterin der Organisation Revive and Restore, die Projekte wie die mit dem Mammut oder der Wandertaube unterstützen.

Doch viele Wissenschaftler rümpfen die Nase. „Es ist absolute Zeitverschwendung“, sagt der Evolutionsbiologe Stuart Pimm von der Duke University in Durham (US-Staat North Carolina). Um Arten vor der Ausrottung zu schützen, müsse man das eigentliche Problem lösen: den Konflikt zwischen Mensch und Tier. Die Forschung von Church und Co. schaffe eine gefährliche Fahrlässigkeit. „Wenn du eine Spezies ausrotten und wiederbeleben kannst, dann sorgst du dich nicht mehr so sehr darum, die Spezies in der freien Wildbahn zu erhalten.“ Außerdem fragt er: „Was würden wir mit einem Wollhaarmammut anstellen?“

Church hat eine Idee. Er will den Mammut-Elefanten in Sibirien ansiedeln. Dort würden sie den Schnee feststampfen und so das Auftauen der Böden erschweren.

Gioia Forster, Christian Thiele und Christina Horsten

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Erstellt:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 06:00 Uhr

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