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Leitartikel · Syrien

Genfer Schicksalswoche

14.03.2016
  • Martin Gehlen, Kairo

Die syrische Tragödie ist in Horrorziffern erstarrt, der Schaden ins Unermessliche gestiegen. 300 000 Menschen kamen bisher in den fünf Bürgerkriegsjahren um, 1,9 Millionen sind verletzt, 500 000 in Hungerenklaven gefangen. Nach dem Urteil internationaler Hilfsorganisationen waren die vergangenen zwölf Monate bisher die schlimmsten. Die Zerstörungen haben das Land um drei Jahrzehnte zurückgeworfen. Genauso verheerend ist der immaterielle Schaden - die politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Verwüstungen der unglücklichen Nation.

Und dennoch glimmt in dieser Woche erstmals ein Funken Hoffnung. Die vor zwei Wochen ausgerufene Waffenruhe hält im Großen und Ganzen - punktgenau zum fünften Jahrestag des Massenmordens der bisher wichtigste diplomatische Erfolg. Und kaum schweigen die Waffen, versammeln sich die Menschen wieder auf den Straßen, um erneut - wie in den Anfangstagen im Frühjahr 2011 - friedlich gegen das Regime von Baschar al-Assad zu demonstrieren. Der Diktator dagegen denunziert nach wie vor jedes Aufbegehren als Revolte von Terroristen gegen sein säkulares Regime - eine PR-Strategie, an der er völlig unbeirrt festhält.

UN-Vermittler Staffan de Mistura hat in Genf die erste Verhandlungsrunde auf zehn Tage angesetzt. Gleichzeitig startete er offiziell den im November in Wien international vereinbarten 18-monatigen Fahrplan für einen politischen Übergang. Bis spätestens Mitte September 2017 muss Syrien unter UN-Aufsicht ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten wählen, der die Macht von Assad übernimmt. Dessen Regime jedoch tut alles, um Kompromisse zu torpedieren. Seine Mächtigen fühlen sich auf der Siegerstraße, sehen eine mögliche Rückeroberung von Aleppo zum Greifen nahe. Ähnlich starr agieren auch die regionalen Kontrahenten Türkei, Saudi-Arabien und Iran, die ihr Streben nach nahöstlicher Hegemonie auf syrischem Boden ausfechten wollen. Einzig die Vereinigten Staaten und Russland sind im Zusammenwirken mit Europa entschlossen, den Brandherd auszutreten, auch wenn sie offiziell das Schicksal von Staatschef Assad bisher ausklammern.

Wie schnell und wie laut die Uhr für den Diktator und seine Regimegrößen tickt, hängt vor allem von Russland ab. Dass Assad auf Dauer nicht mehr zu halten ist, weiß man im Kreml. Und so wird es den Russen in erster Linie darauf ankommen, die territoriale Gestalt und Führungsstruktur eines "brauchbaren Restsyriens" im Westen abzustecken, mit dem sich seine strategischen Interessen im Mittelmeer möglichst gut bewahren lassen.

Im Osten des Landes dagegen sind beträchtliche Territorien an die radikalen Kriegsherren von "Islamischem Staat" und "Al-Nusra-Front" gefallen. Die syrischen Kurden im Norden sind faktisch autonom. Und so machen die in Genf versammelten internationalen Diplomaten keinen Hehl mehr daraus, dass sie für die nächsten Jahre eine föderale Struktur des kriegszerstörten Landes anstreben, welches möglicherweise niemals wieder zu einem intakten Nationalstaat zusammenfinden wird.

Die Genfer Schicksalswoche könnte Weichen stellen. Scheitern die Gespräche, wird auch die fragile Waffenruhe bald kollabieren und die nächsten 10 000 Menschen mit in den Abgrund reißen. Kommt es dagegen zu substantiellen Ergebnissen über den Weg in eine Nachkriegsordnung, könnte diese dritte Märzwoche als Wendepunkt in der syrischen Tragödie in die Geschichte eingehen.

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14.03.2016, 08:30 Uhr
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