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FWV beharrt auf erneuter historischer Aufarbeitung

Generalstreik bleibt Streitthema im Mössinger Rat

Die Mössinger FWV rückte nicht von ihrem Antrag ab: Sie will eine neue wissenschaftliche Arbeit zum Generalstreik – und bekam dafür eine Mehrheit im Rat.

04.03.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. 15 Räte, darunter auch Teile der FWG und CDU, waren bei der großen Haushaltssitzung am Montag (siehe zweite Steinlach-Seite) dafür, die Generalstreik-Geschichte – Mössingen hatte 1933 als einziges Dorf im ganzen Deutschen Reich gegen die Machtübergabe an Hitler demonstriert – noch einmal wissenschaftlich zu hinterfragen.

Eine „historische Prüfung“ solle offene Fragen klären, begründete Fraktionssprecher Marc Eisold den FWV-Antrag. Man wolle auch die SPD „mit ins Boot nehmen“. Die habe ja den spannenden Vorschlag gemacht, auch Bürger an der Sache zu beteiligen.

Die SPD-Fraktion hatte zur Sitzung noch kurzfristig einen eigenen Antrag zum Thema Generalstreik eingebracht, in dem sie zunächst mal ein „Konzept für den Forschungsbedarf“ haben wollte, das der städtische Museumsleiter und die Leiterin des Stadtarchivs liefern sollten; zudem „Leitfragen zur historischen und aktuellen Bedeutung des Generalstreiks“.

Die SPD kritisierte in ihrem Antrag – der am Ende mit 16 : 7 Stimmen abgelehnt wurde – jedoch vor allem die Haltung der FWV: Deren Antrag „mit seinen tendenziösen Vorgaben, seiner fragwürdigen Motivation und der durchsichtigen Indienstnahme der Wissenschaft für eine politische Polemik“ wolle die SPD hier ganz entschieden widersprechen, so Fraktionschef Peter Looser.

Eisold wies diese Kritik als „unter der Gürtellinie“ zurück: Man sei nicht tendenziös, sondern neugierig. Man solle doch mal im Internet unter Rotbuch nachschauen – „so ganz unabhängig sind die nicht“.

Alles anerkannte Wissenschaftler

OB Michael Bulander hielt gerade mit Verweis auf die 1982 im Berliner Rotbuch-Verlag erschienene Studie des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts den Antrag der FWV für unnötig: Eine wissenschaftliche Untersuchung liege ja vor, das sei nicht nur eine akribisch durchgeführte Studie, die sei auch überall in Fachkreisen anerkannt.

Die Quellen seien alle vollständig aufgearbeitet, neue Fakten gebe es nicht. Deshalb sei „unklar, was bei einer neuen Untersuchung herauskommen soll“. Die damals am Projekt beteiligten Studenten und Kulturwissenschaftler, die Autoren des Buchs „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ – Althaus, Geppert, Kaschuba, Lipp, Ruess, Scharfe, Warneken – sind nach Bulanders Worten heute anerkannte Wissenschaftler und Forscher.

„Um dem Misstrauen zu begegnen“, habe die Stadt bereits im Januar Kontakt mit der Forschungsstelle deutscher Widerstand in Berlin aufgenommen, einer unabhängigen Stelle. Von dort biete Prof. Johannes Tuchel beratende Unterstützung an. Bulander: „Wir werden eine Stellungnahme in Auftrag geben – kein umfassendes Gutachten“; denn das würde rund 50 000 Euro kosten und einen mehrjährigen Aufwand bedeuten. Tuchel habe auch davon abgeraten: Es seien keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. Kurzum: „Wir sehen keinen Bedarf, weder an einer Magister-, noch an einer Doktorarbeit.“

Neuauflage kriegen alle zum Studieren

Der Mössinger OB wies auch auf die bevorstehende Neuauflage des Buches „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ hin; wie berichtet, wird die überarbeitete Untersuchung im Sommer vom Talheimer Verlag herausgebracht. Die Stadt werde allen Räten ein Exemplar zur Verfügung stellen, versprach Bulander. „Um alle auf den gleichen Stand zu bringen“, werde man im Hinblick auf den 80. Jahrestag des Mössinger Aufstands gegen das Nazi-Regime 2013 auch Vorträge veranstalten und eine Feier vorbereiten. Man wolle sich dieses Jubiläum „nicht aus der Hand nehmen lassen“, erklärte Bulander.

Trotz dieser vielen durchaus einleuchtenden Argumente hielt die FWV an ihrem Antrag fest: Man sehe nach wie vor die Notwendigkeit, „mehrere Dinge zu beleuchten“, meinte Eisold. SPD-Rat Konrad Hauser hielt die Frage der FWV, was gewesen wäre, wenn der Generalstreik erfolgreich gewesen wäre, für „nichts anderes als Kaffeesatz-Leserei“.

Die FWV wolle offenbar „die Handwerker von der Hilb in Relation zum Stalinismus setzen“, vermutete Peter Looser. „Da kann ich auf keinen Fall mitstimmen, in dieser Denkwelt bin ich nicht zuhause!“ Prof. Dines Christen (SPD) wies noch darauf hin, dass – wenn überhaupt – nur eine Doktorarbeit infrage käme und die noch wesentlich teurer würde als ein Gutachten zum Generalstreik.

Andreas Gammel (CDU) sprach sich für eine weitere wissenschaftliche Untersuchung aus: „Eine Neubeleuchtung kann sinnvoll sein“, es gebe viele, „denen die Würdigung noch fehlt“. Gabriele Dreher-Reeß (Grüne) votierte hingegen für eine Würdigung bei den Feierlichkeiten zu „80 Jahren Generalstreik“, mit dem Theaterstück, das der Lindenhof plant, und dem Buch, das jetzt neu herauskommt.

Das stilisiere niemanden zum Helden, sondern zeige „mutige, politische Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit“. Dreher-Reeß: „Lassen wir uns doch ein auf eine leidenschaftliche, aber nicht verbissene politische Diskussion!“

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04.03.2012, 12:00 Uhr
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