Sagen

Geisterstunde im Südwesten

Reiter ohne Köpfe, eine Frau, die Fuhrwerke vom Weg abbringt, und zwei Untote, die auf ihre Erlösung warten: Viele Sagen sind herrlich gruselig.

29.12.2019

Von Andreas Clasen

Illustration: Niels Schröder Foto: Illustration: Niels Schröder

Ulm. Bach- und Waldgeister, Burg- und Schlossgespenster: Wer die alten Sagen-Sammelbände liest, mag glauben, die Menschen sahen früher überall Gespenster und die Wälder und Burgen waren voller fürchterlicher Gestalten. Die Bände haben auf jeden Fall einige gute Gruselgeschichten zu bieten, von denen wir drei exemplarisch erzählen.

Das Wilde Heer

Diese Truppe, ob Wildes Heer, Wilde Jagd oder Muetisheer genannt, ist ein wirklich gruseliger bunter Haufen und viel unterwegs, besonders in den Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig. Das Heer wurde schon an etlichen Orten im Südwesten und auch in anderen Teilen Europas gesichtet.

Ein Lehrer aus Tübingen-Hirschau erzählte einstmals davon, wie er spät von Ammerbuch-Poltringen die sechs Kilometer zurück nach Hirschau gehen wollte. Er war noch nicht weit gekommen, da brach auf einmal die Hölle los. Ein schwerer Wind kam auf, Laub wirbelte durch die Luft. Wilde Rufe, Jagdhörner und grelle Schreie waren zu hören, Peitschen, Hundegebell und schrilles Pferdegewieher.

Der Gelehrte wusste sofort, auf was für eine schreckliche Reitergesellschaft all das hinwies, und er rannte zu einem Feldkreuz. „Hoh, hoh, hoh, aus dem Weg“, rief der Anführer, als der Lehrer das Kreuz erreichte, sich auf den Boden schmiss und es so fest umklammerte, als wolle er mit ihm eins werden. Das war gerade noch rechtzeitig. Eine Sekunde später zog das Muetisheer knapp über seinen Kopf hinweg. Die Männer, Frauen und Kinder saßen auf Hengsten und Stuten und viele trugen ihre Köpfe unter dem Arm. Schnell waren die Reiter wieder verschwunden, aber der Lehrer traute sich lange nicht, aufzustehen und weiter heimzugehen. (Frei nach Anton Birlinger, Sagen, Märchen, Volksaberglauben, 1861)

Das Villinger Thalfräule

Wer Armen nicht hilft, geizig, grausam und kaltherzig ist, für den ist das Risiko wohl groß, nach dem Tode als Geist umgehen zu müssen. So ist das zumindest in einigen Sagen – auch im Fall des Villinger Thalfräule.

Das Villinger Thalfräule treibt zwischen Bad Mergentheim und dem Stadtteil Wachbach sein Unwesen. Zu Lebzeiten war die Frau eine Gräfin von Wachbach. Sie wusch ihre Pferde mit Wein, für Arme aber hatte sie nur dünne Milch und den Spruch übrig: „Drei Schoppen Milch, ein Schoppen Wasser, gibt auch eine Maß.“ Auch als im Winter einmal ein Mann in Not auf dem kalten Weg lag, war ihr dieser völlig egal. „Fahr' zu, fahr' zu“, schrie die Gräfin herrisch den Kutscher an, und aus Schreck lenkte er das Gefährt direkt über den Mann am Boden, sodass dieser auf der Stelle starb.

Die Gräfin tat allerdings auch wenig später ihren letzten Atemzug und geht seither um. „Fahr' fort, fahr' fort“, hat sie wohl mancher schon rufen hören. Früher soll sie auch etliche Fuhrwerke vom Weg abgebracht und in einem Gumpen versenkt haben, heißt es. Also Obacht vor dieser Frau, die alte Kleidung trägt, von mittlerer Größe ist und so gut wie nie etwas sagt. (Frei nach Anton Birlinger, Sagen, Märchen, Volksaberglauben, 1861)

Die Jungfrauen von der Schalksburg

In Baden-Württemberg gibt es viele Burgruinen und um eine ganze Reihe drehen sich Geistergeschichten. Eine dieser Ruinen findet sich auf Albstädter Gebiet im Zollernalbkreis. Dort führt der Traufgang Felsenmeersteig Wanderer zur Ruine Schalksburg, wohin auch mal junge Männer vor langer Zeit einen Ausflug gemacht haben sollen. Als sie dort ankamen, sahen sie zwei schöne Frauen, die eine hatte blondes, die andere rotes Haar.

„Wer seid ihr?“, fragte einer der Burschen. „Wir sind zwei Geister, die Jungfrauen von der Schalksburg“, sagte die Blonde, „aber habt keine Angst, wir tun euch nichts. Weil wir auf unser Brüderchen in der Wiege nicht achtgegeben haben, und er deswegen starb, müssen wir umgehen und auf einen Schatz unter diesen Trümmern aufpassen, bis jemand uns erlöst.“ „Wie können wir das tun“, fragte der Bursche. „Indem ihr aus Ahorn eine Wiege schreinert und ein unschuldiges Kind in sie legt. Den Ahornbaum findet ihr hier im Tannenwald. Es ist der einzige“, sagte die Rothaarige, und dann verschwanden die Frauen im Wald.

„Eine schauerliche Geschichte“, sagte der Bursche, „aber meint ihr nicht auch, dass wir sie erlösen sollten?“ Seine Freunde nickten. In den darauffolgenden beiden Tagen führten sie alles so aus wie von der Rothaarigen aufgetragen, und kurz nachdem sie das Neugeborene einer Verwandten in die neue Wiege gelegt hatten, sahen sie zwei helle Lichter in Frauengestalt von der Ruine aus gen Himmel aufsteigen.

Den Schatz unter den Trümmern will später mal ein Abenteurer aus Albstadt-Lautlingen am Grund eines tiefen Schachts gefunden haben, doch könne dieser nicht gehoben werden, da ihn nun ein Hund mit feurigen Augen bewache. (Frei nach Gustav Schwab, Die Neckarseite der Schwäbischen Alb, 1823)

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Erstellt:
29. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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