Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Gefühlte Bedrohung
Leitartikel · MITTELSCHICHT:

Gefühlte Bedrohung

07.12.2015
  • SWP

Von Hans-Uli Thierer

Sehnsucht nach Sicherheit: Ist sie in den breiten deutschen Bevölkerungskreisen, gemeinhin Mittelschicht genannt, ausgeprägter als anderswo? Es scheint so und äußert sich darin, dass "German Angst" ein geflügeltes Wort ist. Davon zeugen auch ausgeprägte Reflexe und Erklärmuster, wer die Störenfriede und Schuldigen seien, sobald diese Sehnsucht nach Sicherheit in den Augen dieser Mittelschicht nicht mehr gestillt wird.

Diese Verhaltensnorm erreicht nun schleichend die Flüchtlinge. Überlagert war dieses Thema bisher von einem machtvollen Kanzlerinnen-Wort, das in der Bevölkerung eine überwältigende Hilfsbereitschaft ausgelöst hat. Doch erst die nächste Zeit, wenn weiter Asylsuchende, Kriegs- und Armutsopfer zu uns kommen, werden zeigen, ob dieses Fundament des bürgerlichen Engagements stabil genug ist, einem Stimmungsumschwung zu trotzen. Oder ob die Synthese aus Liberalität, Hilfsbereitschaft und Weltoffenheit nur dünne Tünche ist.

Es geht also darum, der in der Mittelschicht latent vorhandenen deutschen Angst um Verluste von Wohlstand, Versorgung und Sozialstaatlichkeit zu begegnen und ihr sichere Gefühlslagen zu verschaffen. Diese politische Herausforderung wird nur zu meistern sein, wenn dem Mittelstand zu vermitteln ist, dass er wegen der Flüchtlinge nicht unter die Räder gerät. Starke Symbolkraft haben Kinderbetreuungs- und Bildungsangebote, aber auch der Wohnungsbau für alle und die Vermittlung von innerer Sicherheit.

Warum aber sind diese unterschwelligen Ängste hierzulande so ausgeprägt? Der Soziologe Steffen Mau, der untersucht, wohin die deutsche Mittelschicht driftet, findet Erklärungen in der kapitalen Häutung des Kapitalismus. Lange hatte die Mittelschicht von dessen Wirtschafts- und Wachstumsdynamik profitiert. Die demokratischen Strukturen des Westens zügelten Ungehemmtheiten, sorgten für einen gewissen Ausgleich in der Verteilung des Wohlstands, für den zwei Akteure verantwortlich waren: innovative Unternehmer und leistungsbereite, gut entlohnte Arbeiter. Balance also: zwischen Gleichmacherei, die, wenn sie übertrieben wird, die Motivation lähmt, und Ungleichheit, die, wenn sie ausufert, den sozialen Frieden bedroht. Arbeit und Kapital schienen versöhnt.

Das ist anders, seit sich die Blöcke aufgelöst haben. Mit dem Fall der Mauer ist ein neues europäisches Jahrhundert eingeläutet worden. Zugleich begann eine neue Form kapitalistischer Denkungsart und Handlungsweise. Die Globalisierung greift seither um sich. Sie sorgt dafür, dass sich Deutschland zunehmend entfernt von Ludwig Erhards Ideal einer zwar freien, aber auch sozialen Marktwirtschaft. Rating-Agenturen und Börsenparkette sind bestimmende Faktoren auf der politischen Bühne geworden.

Ökonomische Prinzipien sind an die Stelle gesellschaftlicher Willensbildung getreten. Daraus resultiert als Drohkulisse ein Bedeutungsverlust, wie die Mittelschicht ihn empfindet. Wenn nicht mehr die Gesellschaft als Ganzes über gesellschaftliche Prozesse entscheidet, sondern Mächte über ihr, braucht das Gesellschaftsgerüst die tragende Säule in der Mitte nicht mehr.

In so einer Phase wächst die Sehnsucht nach Sicherheit umso mehr. Tröstlich ist, dass die deutsche Mittelschicht - anders als etwa in Frankreich oder Österreich - bisher und hoffentlich über den Wahltag in Baden-Württemberg hinaus nicht in Heerscharen den Nationalisten und Populisten von rechts nachläuft. Damit dies so bleibt, bedarf es für die Mittelschicht politischer Antworten auf die Flüchtlingsfrage.

Ökonomische Prinzipien lösen die

Willensbildung ab

leitartikel@swp.de

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

07.12.2015, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular