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Leitartikel zu Terroranschlägen

Gefühl der Ohnmacht

London, Berlin, Nizza, Brüssel, Paris – inzwischen fällt es fast schon schwer, sich die Stätten des Grauens in Erinnerung zu rufen. Viele unter uns wollen sich womöglich auch gar nicht so genau erinnern. Würden wir die schrecklichen Taten nicht zumindest teilweise verdrängen, wir könnten uns wahrscheinlich nicht mehr ohne Angst unter unsere Mitmenschen trauen.

24.03.2017

Von Guido Bohsem

Wir lernen, mit dem Terror zu leben und sind doch immer wieder bis ins Mark davon erschüttert. Das liegt am unermesslichen Leid der Opfer und ihrer Angehörigen. Es liegt aber auch daran, dass der IS-Terror sich gezielt gegen die empfindlichsten Stellen der freien westlichen Gesellschaften richtet und uns unsere Ohnmacht immer wieder vor Augen führt.

Für den Anschlag von London gilt das gleich in doppelter Hinsicht. Denn mit ihm wurde die Geburtsstätte des modernen Bürgertums attackiert – das britische Abgeordnetenhaus – und auch der moderne Bürger selbst. Der Schock wird durch die Mittel vergrößert, mit denen die Taten verübt werden: ein Auto, ein Lastwagen, zwei Messer. Alltägliche Gebrauchsgegenstände verwandeln sich in den Händen der Täter in Mordwerkzeuge, die der staatlichen Kontrolle entzogen sind. Die Behörden können den öffentlichen Gebrauch von Gewehren und Pistolen verbieten und ihren Besitz streng reglementieren. Sprengstoff kann die Polizei orten. Sie stellt sogar regelmäßig fest, wer sich Zutaten für selbstgebaute Bomben kauft. Für einen Geländewagen, wie er beim Londoner Anschlag verwendet wurde, gilt das alles nicht.

Autos umgeben uns millionenfach. Sie sind Sinnbild unserer Mobilität und damit unserer Freiheit. Auf seinen Hass-Seiten ruft der IS schon länger zu Anschlägen mit Fahrzeugen auf. Nur durch Zufall konnte in Antwerpen ein Mann daran gehindert werden, sein Fahrzeug in eine Menschenmenge zu fahren. In der Regel aber kann keiner erkennen, wann und von wem ein Auto als Waffe eingesetzt werden soll. London erinnert uns an diese Ohnmacht, denn seit den U-Bahn-Anschlägen von 2005 gehört es zu den am besten und mit unzähligen Kameras überwachten Städten der Welt.

Weitgehend machtlos sind wir auch, wenn es darum geht, die möglichen Täter ausfindig zu machen und sie zu überwachen. Im Fall des Berliner Attentäters Amri ist vieles falsch gelaufen und vieles versäumt worden. Doch selbst mit der inzwischen beschlossenen und sicherlich sinnvollen Fußfessel für Gefährder hätte er noch einen Lastwagen entern und in eine Menschenmenge fahren können. Eine 100-prozentige Kontrolle wäre nur zu erreichen, wenn die westlichen Gesellschaften ihre Freiheiten aufgäben und sich damit abfänden, in allmächtigen Polizeistaaten zu leben.

Wir haben uns durch die anhaltende Serie der Anschläge bereits an dieses Gefühl gewöhnt. Wir verdrängen und wir gehen zur Tagesordnung über. Das mag manch einem zynisch vorkommen, doch in Wahrheit ist diese Haltung nur gesund und notwendig. Sie versetzt uns in die Lage, den Kampf gegen den IS-Terror bestehen zu können.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
24. März 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2017, 06:00 Uhr

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