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Gefeierte Premiere von Kondschak-Stück „We Shall Overcome“ beim Mössinger Kulturherbst
Im Vordergrund von links: Kathrin Kestler, Linda Schlepps, Heiner Kondschak, Mia Biermann und Gerd PlankenhornBild: Becker/ Lindenhof
Die Kraft der Lieder

Gefeierte Premiere von Kondschak-Stück „We Shall Overcome“ beim Mössinger Kulturherbst

17.09.2016

Mössingen. Pete Seeger spielt vor Arbeitern in einer Fabrik und ermutigt sie zum Streik. Manche jubeln ihm zu, andere pfeifen ihn aus. „Which Side Are You On?“, fragt er im gleichnamigen Lied: Auf welcher Seite steht ihr? Immer mehr Arbeiter steigen zu ihm auf die Bühne und singen mit. Lieder haben Kraft, vor allem dann, wenn man sie gemeinsam singt. Am Donnerstag hatte die Lindenhof-Produktion „We Shall Overcome“ Premiere beim Mössinger Kulturherbst in der Pausa. Autor des inszenierten Konzerts ist Heiner Kondschak: Er erzählt die Biografie des Folksängers Pete Seeger (1919-2014) als eine Zeitreise durch die amerikanische Geschichte. Das Publikum war begeistert.

Nach einem kurzen Prolog folgt der Sprung ans Ende der Geschichte: Seeger (Heiner Kondschak) sitzt mit seiner Frau Toshi (Linda Schlepps) vor einer Blockhütte und blickt auf sein Leben zurück, das sich gleichzeitig vor seinen Augen auf der Bühne abspielt. Sein jüngeres Ich (David Scheib) lernt seine künftige Frau (Kathrin Kestler) beim Squaredance kennen und macht später Bekanntschaft mit Woody Guthrie (Berthold Biesinger): Zufällig sind beide auf den gleichen Zug aufgesprungen, weil sie nicht ganz so zufällig das gleiche Ziel haben: den Streik der Minenarbeiter unterstützen. Amerika braucht Lieder, die Hoffnung machen, sind sie sich einig. „Dieses Land ist dein Land, dieses Land ist mein Land“, sagt Guthrie. Seeger: „Das solltest Du aufschreiben.“

Mit hoher Geschwindigkeit und vielen Bildern wechseln die Szenen: In wenigen Minuten ist auch die Lebensgeschichte der Eltern von Pete und Toshi erzählt oder diejenige des Seeger-Vorbilds Joe Hill. Handlung und retrospektive Erzählung greifen genauso locker ineinander wie unterschiedliche Zeitebenen oder musikalische und szenische Momente. Darsteller sind gleichzeitig Musiker, der Chor (Semiseria) ist gleichzeitig agierende Menschenmenge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Seeger (Gerd Plankenhorn) hat mittlerweile drei Kinder (in Personalunion: Mia Biermann), feiert seine Band „The Weavers“ Erfolge – ihm ist das aber zuwider. Er singt auf Veranstaltungen der Bürgerrechtsbewegung. Er trifft Rosa Parks (Kestler), Rosa Parks trifft Martin Luther King (Biesinger). King erzählt ihr im Gefängnis, in Montgomery setze sich die Rassengleichheit durch, jedenfalls in den Bussen. Ein Anfang. „The Times They Are A Changin’“ singt Seeger.

Geschickt flechtet Kondschak die Lieder in die Handlung ein. Das Zusammenspiel mit Band (Christian Dähn, Jonathan Gray) und Chor funktioniert. Die einzelnen Songs hat Frank Schlichter sehr kunstvoll für Chor arrangiert: Besonders wirkungsvoll sind sie, wenn die Chormitglieder im Raum verteilt singen. An sich hat die Bühne (Ilona Lenk) ziemlich lose Grenzen und ist in ständigem Wandel: Szenen spielen neben der Bühne, Zuschauer sind mal Theaterpublikum, mal Konzertpublikum, mal Teil des Chors. Der anhaltende Erzählfluss und der rasante Wechsel der Zeiten ist auch eine logistische Herausforderung: Allein der Chor wechselt sieben Mal die Kostüme (Lenk).

In der McCarthy-Ära muss sich Seeger wegen „unamerikanischer Aktivitäten“ vor Gericht verantworten: 15 Jahre Auftrittsverbot, zehn Jahre Gefängnis. Karriereende? „Eher so eine kreative Pause.“ Von Arthur Miller (Biesinger) bekommt er Tipps, wie sich die Haftzeit verkürzen lässt. Nach einer Reise um die Welt kehrt Seeger 1964 nach Amerika zurück – und darf singen. Es folgen die emotionalsten Momente des Abends: Das Ensemble spielt und singt den Titel „Bring ‘em Home“, im Hintergrund flimmern Szenen aus dem Vietnam-Krieg über die Leinwand. Martin Luther Kings berühmte Rede geht über in ein mehrstimmiges „We Shall Overcome“.

Trotz der vielen berührenden Szenen gelingt es den Darstellern, das Stück immer wieder mit Humor aufzulockern, mal subtil, mit Gesten oder Blicken, mal nicht ganz so subtil, etwa bei der Interaktion zwischen Figuren unterschiedlicher Zeitebenen: „Zu diesem Zeitpunkt ist Seeger fast 50, ich mache das jetzt selber“, sagt der Kondschak-Seeger zum Plankenhorn-Seeger und schickt ihn von der Bühne.

Kondschak versucht, Seegers Lebensgeschichte möglichst ohne Lücken nachzuerzählen. Auch das Wirken des Folksängers als Umweltschützer, die späte Rehabilitierung unter Bill Clinton oder sein Auftritt bei Barack Obamas Amtseinführung bekommt Kondschak unter. Gelegenheiten, einzelne Lebensabschnitte zu vertiefen, bleiben da kaum. Darunter leiden auch die Dialoge, die immer wieder als Träger biografischer Informationen dienen müssen. Trotzdem gelingt es Kondschak und seinem Ensemble, mit dem szenischen Konzert Seegers Persönlichkeit zu zeichnen: seine Standhaftigkeit, sein Scharfsinn, seine Zärtlichkeit.Moritz Siebert

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17.09.2016, 01:00 Uhr
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