Literatur

Geboren im rechten Sumpf

Bernhard Schlink legt seinen Roman „Die Enkelin“ vor. Der erzählt von Ost und West, von Rassismus und Befreiung.

27.10.2021

Von Sabine Kleyboldt

Berlin. Bernhard Schlink ist zurück. Nach seinem Ausflug ins Bühnenfach mit „20. Juli“ legt der Bestsellerautor und frühere Verfassungsrichter seinen Roman „Die Enkelin“ vor. Darin wählt der 77-Jährige einen Schauplatz, den er bestens kennt: Ostdeutschland damals und heute. Schlinks zehnter Roman ist das Porträt einer Ex-DDR-Bürgerin und einer völkischen Nachwendefamilie, aber auch ein Road-Movie, eine Coming of Age-Geschichte und das Psychogramm eines Mannes, der auf den Spuren seiner verstorbenen Frau auf Unerwartetes trifft.

Kaspar (71) findet seine Frau Birgit, der er als Student 1965 zur Flucht aus der DDR verhalf, tot in der Badewanne. Ihre große Liebe und der Traum von Glück und schriftstellerischem Erfolg war über die Jahre verblasst. Doch Kaspar entdeckt ein Manuskript: kein Roman, sondern Birgits eigene Geschichte – und die ihrer Tochter, die sie noch in der DDR nach der Geburt weggab und die sie ihr Leben lang suchen wollte.

Irritiert und verletzt macht sich Kaspar selbst auf den Weg. Er findet die längst erwachsene Tochter Svenja, ihren Mann Björn und die 14-jährige Sigrun: in einer völkischen Siedlung in Mecklenburg. Svenja, verhärtet durch die Zeit im DDR-Jugendgefängnis Torgau und in der rechten Szene, hat kein Interesse an dem unbekannten Stiefvater. Doch Björn wittert die Chance auf ein Erbe.

Jugendliche leugnet Holocaust

Für jeweils 25 000 Euro verbringt Sigrun von nun an die Hälfte ihrer Ferien beim Stief-Großvater. Kaspar geht mit ihr in Konzert, Oper und Museum, zeigt ihr Literatur und Musik. Das Mädchen ist klug und interessiert, schlägt ihn im Schach und beweist Talent auf dem Flügel. Doch nennt sie den Holocaust und das Tagebuch der Anne Frank Fälschungen, verehrt Rudolf Hess und äußert rassistische Ressentiments.

Kaspar lässt sich seine Bestürzung nicht anmerken, sondern will mit ihr ohne Belehrungen über ihre Ansichten sprechen. Seine Bemühungen scheinen zu fruchten, doch dann kommt es zum Bruch mit der Familie. Erst nach zwei Jahren steht Sigrun wieder vor seiner Tür: Sie hat sich einer rechten Kampfgruppe angeschlossen und ist in schwere Straftaten verstrickt.

Schlinks „Die Enkelin“ ist ein deutsch-deutscher Roman, ein Plädoyer für ein Miteinander, für den Austausch – so unterschiedlich die Meinungen auch sein mögen. Sabine Kleyboldt

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Erstellt:
27. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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