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Droge und Trauma

Gambier wegen Haschischhandels verurteilt

Die Fakten waren kaum umstritten, deren Bewertung aber schon: Obwohl Staatsanwalt und Verteidiger am Ende eines Prozesses wegen Drogenhandels lediglich für eine Arbeitsauflage plädierten, kassierte der Angeklagte eine Jugendhaftstrafe auf Bewährung.

09.09.2015

Von Stephan Gokeler

Rottenburg/Tübingen. Die Mutter war bald nach seiner Geburt gestorben, und als er 13 Jahre alt war, starb auch der Vater. Damals habe er begonnen, Cannabis zu konsumieren, berichtete der Angeklagte am Dienstag vor dem Tübinger Amtsgericht.

Als er 16 war, zog er mit seinem älteren Bruder aus der Heimat Gambia nach Libyen. In den Wirren des dortigen Bürgerkriegs wurde der Ältere – wie viele Schwarzafrikaner damals – unter dem Vorwurf inhaftiert, das Gaddafi-Regime unterstützt zu haben. Im Gefängnis sei sein Bruder „totgeschlagen“ worden, berichtete der heute 21-Jährige. Gemeinsam mit 130 anderen Flüchtlingen begab er sich in ein Schlauchboot, auf Lampedusa betrat er im März 2013 europäischen Boden. Als er in die Schweiz einreisen wollte, wurde er umgehend wieder nach Italien zurückgeschickt. Über Frankreich gelangte er im Sommer 2014 schließlich nach Deutschland. Von einer Aufnahmestelle in Karlsruhe kam er nach Tübingen und schließlich nach Rottenburg.

Joints habe er geraucht, wenn er das Geld dafür aufbringen konnte und an seine Eltern und seinen Bruder habe denken müssen, sagte er. Den Eigenkonsum habe er finanziert, indem er kleine Mengen Marihuana gekauft, etwas für sich abgezweigt und den Rest weiterverkauft habe. Insgesamt dreimal wurde er zwischen Dezember 2014 und Mai 2015 von Drogenfahndern erwischt, stets im oder am Alten Botanischen Garten in Tübingen. Auf Nachfragen des Richters beteuerte der Angeklagte, er kenne weder Namen noch Telefonnummern der Männer aus Gambia und Nigeria, von denen er das Marihuana gekauft habe. Man wisse untereinander allenfalls Spitznamen wie in seinem Herkunftsland üblich.

Zweimal hatte er jeweils knapp zwei Gramm gerade verkauft, was er auch zugab. Im dritten Fall wurden sechs Päckchen mit insgesamt 9,6 Gramm in seiner Unterhose gefunden. Die seien für eine Party unter Landsleuten gedacht gewesen, sagte er aus. Polizeibeamte, die als Zeugen vernommen wurden, hatten in diesem Fall keine Weitergabe beobachtet. Sie schilderten aber, dass zwischen dem Angeklagten und einem potenziellen Kunden ein Geschäft offenbar angebahnt werden sollte.

Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe sprach sich trotz des Alters des Angeklagten für die Anwendung von Jugendstrafrecht aus. Aufgrund seiner Lebensgeschichte sei von einer Entwicklungsverzögerung auszugehen. Der Cannabiskonsum könne als Versuch einer Selbsttherapie gesehen werden, zudem habe die Untersuchungshaft großen Eindruck beim Angeklagten hinterlassen. Auch der Staatsanwalt schloss sich in seinem Plädoyer der Einschätzung an, dass eine Verwarnung, verbunden mit einer Arbeitsauflage von 120 Stunden und der Verpflichtung, die Drogenberatung aufzusuchen, ausreichend sei. Direkt an den Angeklagten gerichtet sagte er: „Hören Sie mit dem Kiffen auf, das macht Ihre Zukunft kaputt.“ Im Wiederholungsfall komme die Anwendung von Jugendstrafrecht nicht mehr in Betracht.

Ähnlich plädierte der Verteidiger. Sein Mandant sei kein Dealer im eigentlichen Sinn, sondern ein Getriebener, der auch in den Mühlen des europäischen Asylrechts keinen Anker fürs Leben gefunden habe. Drogen habe er auch deshalb konsumiert, um nachts überhaupt schlafen zu können. Er halte eine Arbeitsauflage von 80 Stunden für ausreichend.

Der Richter verhängte jedoch eine Jugendstrafe von sechs Monaten Gefängnis, auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Er nahm den Angeklagten nicht ab, alleine gehandelt zu haben, sondern sah ihn als Teil einer größeren Organisation des Drogenhandels. Er zeigte sich überzeugt, dass die größere Menge Marihuana zum Verkauf bestimmt gewesen sei. Zusätzlich zur Haftstrafe verhängte er 60 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein einjähriges Aufenthaltsverbot für den Botanischen Garten.

Info Richter: Benjamin Meyer-Kuschmierz; Staatsanwalt: Matthias Altfelder; Verteidiger: Johann Bach; Jugendgerichtshelfer: Klaus Hasenmaier; Dolmetscher: Lothar Letsche.

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Erstellt:
9. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. September 2015, 12:00 Uhr

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