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Staatstheater

Fußbad in einem See aus Selbstmitleid

Robert Ickes „Iwanow“ verlegt die Vorlage von Tschechow in Stuttgart konsequent ins Hier und Jetzt.

19.11.2019

Von Wilhelm Triebold

Stuttgart. Oha, das sind jetzt aber 130 Minuten Therapiestunde, das würde kein Analyst samt Analytiker ohne Pause durchhalten! Auch das Publikum ist gefordert in Robert Ickes Überschreibung von Tschechows „Iwanow“ – und wer sich danach fast ebenso leer und ausgebrannt fühlt wie der Titelheld, darf sich kaum wundern. Seelenarbeit ist harte Arbeit. Da wird einem nichts geschenkt.

So gesehen erreicht der Abend sein Ziel. Robert Icke, nicht nur für seine „Orestie“ als Regiehoffnung gefeiert, verankert Tschechows frühe Komödie vom „überflüssigen Menschen“ stärker in der Gegenwart und flutet rund um Hildegard Bechtlers Drehbühnenbild die Restspielfläche im Stuttgarter Schauspielhaus. Die Akteure stehen mitunter knöcheltief im Wasser, kreisen ansonsten um sich selbst. Statt Iwanow oder Lebedew nennen sie sich Hoffmann und Lehmann, wie Nachbars von nebenan. Gewinnen sie dadurch Trenn- und Tiefenschärfe?

Karikatur des Melancholikers

Es ist der mitunter schnoddrige Jargon von heute, mit dem sie sich Lebensfrust und Überdruss von den angeknacksten Psychen palavern. Allen voran Nikolai Iwanow, der hier halt Nikolas Hoffmann heißt, aber der gleiche alte deprimierte und deprivierte Stinkstiefel bleibt, als den Tschechow selig ihn einst angelegt hat, als Karikatur des jammernd zugrunde gehenden Melancholikers. Seine aus Liebe vom jüdischen Glauben abgefallene, todkranke Frau Anna behandelt er brutalstmöglich herzlos und ergeht sich ansonsten mit verfinstertem Gemüt in Selbstmitleid, Selbstzweifel, Selbsthass, Selbstaufgabe.

Benjamin Grüter macht das als Nikolas konsequent und doch dezent genug, dass die Figur nicht umkippt, aber letztlich auch ein wenig farblos. Um ihn herum tobt der ganz normale Wahnsinn aus Geldgier, Berechnung, Eigeninteresse und Helfersyndrom. Die Gesellschaft, die manchmal einem Sternheim-Lustspiel entsprungen scheint, ist dem heil- und glücklosen Depressiven willkommene Sterbehilfe: ein kaputter Typ in einer kaputten, zugrundegehenden Umgebung.

Zwischen den vier Akten – oder was von ihnen übrig blieb – zeigt sich im Hintergrund eine raffinierte Video-Draufsicht aufs Geschehen. Man sieht, wie sich mit einer durchweg starken Ensembleleistung die Szenerie ins Schlachtfeld verwandelt. Jedes Mal schaut die Hauptperson gen Himmel, als sei dort die Lösung, die Erlösung. Es geht auch diesmal nicht gut aus, für ihn schon gar nicht. Abgesehen vom anerkennenden Premierenapplaus am Schluss. Wilhelm Triebold

Info Nächste Vorstellungen am 1./14./26.12., jeweils 19:30 Uhr.

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Erstellt:
19. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 06:00 Uhr

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