Tübingen · Wissenschaft

Fußabdrücke auf Kreta: Spuren der Wüstenschaukel

Sechs Millionen Jahre alte Fußabdrücke auf Kreta sind der älteste direkte Hinweis auf einen menschenähnlichen Lauffuß. Sie werfen ein neues Licht auf die Evolution.

11.10.2021

Von ST

Spuren am Strand: einer von 50 Fußabdrücken früher Menschenvorläufer. Bild: Per Ahlberg, Uppsala

Die ältesten bekannten Fußspuren von Vormenschen stammen von der Mittelmeerinsel Kreta und sind mindestens sechs Millionen Jahre alt. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Team von Forschern aus Deutschland, Schweden, Griechenland, Ägypten und England unter Leitung der Tübinger Wissenschaftler Uwe Kirscher und Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität Tübingen. Die Studie wurde im Fachmagazin Scientific Reports publiziert.

Die Fußspuren aus versteinerten Strandsedimenten wurden 2017 bei Trachilos bekannt. Mit geophysikalischen und mikropaläontologischen Methoden konnten sie nun auf ein Alter von 6,05 Millionen Jahren vor heute datiert werden. Damit sind sie der älteste direkte Hinweis auf einen menschenähnlichen Lauffuß. „Die Spuren sind damit nahezu 2,5 Millionen Jahre älter als die Australopithecus afarensis (Lucy) zugeschriebenen Laufspuren aus Laetoli in Tansania“, berichtet Kirscher. Die Abdrücke kommen damit auf dasselbe Alter wie die Fossilien des bereits bekannten aufrecht gehenden Orrorin tugenensis aus Kenia. Von diesem Zweibeiner sind unter anderem Oberschenkelknochen erhalten, jedoch keinerlei Fußknochen oder -spuren.

Kurze Sohle, schmale Ferse

Die Datierung der kretischen Fußspuren wirft ein neues Licht auf die frühe Evolution des menschlichen Laufens vor über sechs Millionen Jahren. „Der
älteste menschliche Lauffuß besaß einen Fußballen mit einer
anliegenden und robusten Großzehe sowie sich kontinuierlich verkürzenden Seitenzehen“, erläutert Per Ahlberg, Professor an der Universität Uppsala und Koautor der Studie. „Er hatte eine kürzere Fußsohle als Australopithecus. Ein Fußgewölbe war noch nicht ausgeprägt, und die Ferse war schmaler.“

Die heutige Insel Kreta war vor sechs Millionen Jahren noch mit dem griechischen Festland über die Peloponnes verbunden. Nach Ansicht von Prof. Madelaine Böhme „ist nicht ausgeschlossen, dass der Erzeuger der Spuren im Zusammenhang steht mit dem möglichen Vormenschen Graecopithecus freybergi“. Fossilien des Graecopithecus aus 7,2 Millionen Jahre alten Ablagerungen im nur 250 Kilometer entfernten Athen hatte Böhmes Team vor wenigen Jahren als eine vorher unbekannte Vormenschenart im heutigen Europa identifiziert.

Weitere Ergebnisse der Studie bestätigen zudem jüngste Forschungen und Thesen des Teams Böhme, nach denen vor sechs Millionen Jahren das europäische und vorderasiatische Festland durch eine kurzfristige Sahara-Ausbreitung vom feuchten Ostafrika getrennt waren. So lässt die geochemische Analyse der sechs Millionen Jahre alten Strandablagerungen Kretas darauf schließen, dass Wüstenstaub aus Nordafrika mit dem Wind dorthin transportiert wurde. Das Team kam bei der Datierung von Mineralkörnern in Staubkorngröße auf ein Alter zwischen 500 und 900 Millionen Jahren vor heute. Diese Zeiträume seien typisch für nordafrikanischen Wüstenstaub, so die Autoren.

Zwei Hypothesen

Neueste Forschungen der Paläoanthropologie legten zudem nahe, dass der afrikanische Menschenaffe „Sahelanthropus“ als Zweibeiner ausgeschlossen werden könne und der aus Kenia stammende 6,1 bis 5,8 Millionen Jahre alte „Orrorin tugenensis“ der älteste Vormensch Afrikas sei, so Böhme. Kurzzeitige Wüstenbildungen und die geographische Verbreitung früher Menschenvorläufer könnten daher in einem engeren Zusammenhang stehen als bisher vermutet wird: Einerseits könnte eine Wüstenbildungsphase vor 6,25 Millionen Jahren in Mesopotamien eine Migration europäischer Säugetiere und möglicherweise Menschenaffen nach Afrika initiiert haben. Andererseits könnte die zeitweise Abriegelung der Kontinente durch die Sahara vor sechs Millionen Jahren eine getrennte Entwicklung des afrikanischen Vormenschen Orrorin tugenensis und eines europäischen Vormenschen ermöglicht haben.

Nach diesem von Böhme „Wüstenschaukel“ genannten Prinzip steuerten aufeinanderfolgende kurzfristige Wüstenbildungen in Mesopotamien und der Sahara eine Migration von Säugetieren von Eurasien nach Afrika.

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Erstellt:
11. Oktober 2021, 20:03 Uhr
Aktualisiert:
11. Oktober 2021, 20:03 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2021, 20:03 Uhr

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