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Literatur

Funkelnd hellsichtig

Dame Muriel Spark hat 22 Romane, dazu viele Erzählungen und Gedichte geschrieben. Morgen wäre die Schöpferin von „Miss Jean Brodie“ 100.

31.01.2018

Von CLAUDIA REICHERTER

Mit Stift, Heft und Heizlüfter: Muriel Spark 1957, als ihr Debüt erschien. Foto: London Evening Standard

London. Muriel Spark eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit zu nennen, passt nicht ganz. Das ist untertrieben. Dabei gehört die Dichterin, die am 1. Februar 1918 in Edinburgh geboren wurde, zweifellos zu den bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts. Doch ihr Werk – 22 Romane, dazu Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele, kritische Biografien Mary Shelleys und der Brontës – wirkt auch zwölf Jahre nach ihrem Tod am 13. April 2006 noch nach, weist also über „ihre Zeit“ hinaus.

Unterschätzt zu werden, war Muriel Spark gewöhnt. Das Schreiben war für das hübsche und begabte Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen, das im „Gedächtnisspeicher“ unermüdlich Stimmen sammelte, schon früh der Lebens-Imperativ: „Eine Idee im Kopf, einen Stift in der Hand und vor mir ein aufgeschlagenes Heft, das war für mich Seligkeit“, schrieb sie 1992 mit 74 Jahren in „Curriculum Vitae“. Von ihrer Literatur leben aber konnte sie erst mit über 40.

Seitdem sind Sparks Formulierungen in den Sprachgebrauch eingegangen, ihre Figuren unvergessen. Die so komische wie tragische Titelheldin ihrer „Blütezeit der Miss Jean Brodie“ (1961) – dank der Verfilmung 1969 mit Maggie Smith, die dafür einen Oscar bekam, ihr wohl berühmtester Roman – wurde zu einer Ikone der Nachkriegsliteratur. Dass die von einem realen Vorbild inspirierte Lehrerin ihre Schülerinnen als „crème de la crème“ bezeichnet, wurde zum geflügelten Wort, das viele bis heute mit der 1993 von Königin Elisabeth II. zur „Dame “ geadelten Schriftstellerin verbinden.

Muriel Sparks Prosa ist kurz, knackig und charakterstark. Zur klaren, prägnanten Sprache kommen ihr tiefes Gespür für alles Menschliche, samt Hellsichtigkeit gegenüber alltäglichen Absurditäten, und ihr gnadenloser Witz.

Darüber hinaus war die weltoffene Konvertitin eine schillernde, streitbare Persönlichkeit. Dass ihr Erfolg nicht an Landesgrenzen haltmachte – sie erhielt zahlreiche Literaturpreise und Ehrendoktorwürden in Europa und Übersee –, hat damit zu tun, dass sie ihre Heimat früh verließ.

Mit 19 folgte Muriel Sarah Camberg 1937 ihrem zukünftigen Mann Sydney Oswald Spark nach Rhodesien (heute Simbabwe). Der 13 Jahre ältere Gatte hat ihr den „nach Leben und Freude klingenden“ Namen sowie 1938 Sohn Robin geschenkt. Aufgrund seiner zunehmenden Geistesstörung sollte sie ihn bezeichnenderweise bald aber nur noch als „S.O.S.“ bezeichnen. Die Scheidung folgte 1943. Von 1944 an arbeitete sie in London unter anderem für den Geheimdienst MI-6, der via Radio Falschmeldungen zur Verwirrung des Feindes streute.

Nach einer Zeit der Armut und Krankheit, während der ihr erfolgreicher Kollege Graham Greene sie mit monatlichen Zuwendungen (und einer gelegentlichen Flasche Wein) unterstützte, nahm die literarische Karriere mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans „The Comforters“ („Die Tröster“) 1957 spät, doch rasch und nachhaltig, Fahrt auf. Sei es „Memento Mori“, das ihr 1959 den Durchbruch bescherte, „Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten“ (1963) oder „Vorsätzlich herumlungern“ (1981) – Sparks Romane zu entdecken, ist ein Genuss. Zudem sind Adaptionen ihrer archetypischen Stoffe weltweit auf Bühnen zu sehen. Und vielen jüngeren Autoren ist die wahrheitsliebende Menschenbeobachterin noch immer ein unschätzbares Vorbild. Ian Rankin nennt Spark und ihren Beitrag zur Weltliteratur „unvergleichlich, funkelnd, einfallsreich und klug“. Ali Smith hebt am Spätwerk „Der letzte Schliff“ (2004) das „Spiel zwischen spirituellem Leuchten und Dunkelheit unter der Oberfläche“ hervor – hart und verspielt, scharf und witzig. Postmoderne trifft Satire.

Nach Stationen in New York und Rom lebte Dame Muriel zuletzt mit ihrer Gefährtin, der Bildhauerin Penelope Jardine, in San Giovanni bei Oliveto in der toskanischen Provinz Arezzo. Wenn ein Bed & Breakfast dort jetzt damit wirbt, dass sich Spark „im 20. Jahrhundert von diesem Ort inspirieren ließ“, dann ist auch das untertrieben: Fast die Hälfte ihres 88-jährigen Lebens verbrachte sie in Italien. „In ihr kollidierte das graue, porridgeartige Nordlicht mit dem blendenden Sonnenschein und den Zitronentönen des Südens“, erklärt Alan Taylor in seiner lesenswerten Ergänzung zu Sparks Ende der 50er Jahre endender Autobiografie.

Auf ihrem Grabstein in Oliveto steht übrigens weder wie in der B&B-Reklame „berühmte Schriftstellerin“ noch „Crème de la Crème“, wie Rankin sie nennt, sondern schlicht „Poeta“ – Dichterin. Das ist aber kein Understatement, sondern Programm.

Foto: Jerry Bauer

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Erstellt:
31. Januar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Januar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 06:00 Uhr

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