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Fürs schnelle Geld nach Stuttgart
Camilla Gregor kann anpacken. Sie schleppt manchmal bis zu zehn Bierkrüge. Foto: Ferdinando Iannone
Frühlingsfest

Fürs schnelle Geld nach Stuttgart

Drei Wochen lang täglich Bier, Hähnchen und Schalalalala: ein Knochenjob, der den Bedienungen im Zelt viel abverlangt. Die Veganerin Camilla Gregor mag dennoch ihre Arbeit.

27.04.2018
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Camilla Gregor hat ihre ganz eigene Taktik, um 14 Kilogramm stemmen zu können. Mit der einen Hand packt sie sechs Krüge an den Henkeln, mit der anderen stellt sie einen siebten obendrauf und umarmt den Turm aus Glas und Bier. Los geht's. Auf und ab, auf und ab. Stundenlang, tagelang, wochenlang. Die 35-Jährige ist Bedienung im Göckelesmaier-Festzelt auf dem Stuttgarter Frühlingsfest. Seit 2015 reist sie zweimal im Jahr an, um auf dem Cannstatter Wasen im Frühjahr und im Herbst zu arbeiten. In dieser Zeit lebt sie in einer Kollegen-WG.

Camilla Gregor ist Schwedin, aber die zwölf Jahre, die sie schon in Österreich lebt, haben sich hörbar niedergeschlagen. „Es ist scho‘ a harte Hacken“, sagt sie über den Sieben-Tage-Job im 4000-Personen-Zelt. Aber Bedienung sei sie aus purer Leidenschaft. „Die Stimmung in so einem Zelt ist irre“, ruft sie über den Lärmpegel hinweg. „Tausende Leute, die alle gleichzeitig etwas wollen, das ist Tempo.“ Was für viele andere der pure Stress wäre, scheint sie regelrecht anzuspornen. Dabei sollte man meinen, dass die gelernte Masseurin eigentlich die Entspannung sucht.

Gregor ist eine zierliche Frau mit feinen Gesichtszügen. Das blonde Haar ist zum Pferdeschwanz zusammengebunden, die Lippen sind zartrosa geschminkt, die kurz geschnittenen Fingernägel dezent lackiert. Ihr Bizeps aber ist hart wie Beton. Bis zu zehn Krüge kann sie gleichzeitig schleppen. Sie winkt ab, „das ist nicht viel, manche Frauen tragen zwölf“. Nur die ersten zwei Tage spüre man abends das Brennen der Muskeln und der Füße, alles halb so wild.

Bringt diese Frau überhaupt etwas aus der Ruhe? Die abertausenden Hähnchen, die während der 23 Frühlingsfesttage vertilgt werden, sind's jedenfalls nicht, dabei ist Camilla Gregor Veganerin. Wenn in der Frühlingsloge, ihrem Festzelt-Revier, mal jemand speien müsse, dann „ist es nicht fein“, aber das mache sie halt rasch weg. Auch das Reinhalten der Tischreihen gehört zu ihren Aufgaben. Am schweren Ledergürtel trägt sie neben dem Geldbeutel und einer Tasche für Ohrstöpsel und Persönliches einen Putzlumpen und ein Wischtuch. Auch die Musik verderbe ihr, die von sich selbst sagt, dass sie „alles außer Schlager“ mag, keinesfalls die Laune. „Die Leute feiern, und ich mache mit“, sagt sie. Immerhin bringe ein Lächeln mehr Trinkgeld. Das Ganze ist kein Ehrenamt. Freilich kommt Camilla Gregor fürs „schnelle Geld“ nach Stuttgart.

Selten aufdringliche Verehrer

Ihr Freund hat mit dem Einsatz in der Ferne kein Problem, wie sie sagt. Am Dirndl trägt sie ein Holzklämmerchen mit der Gravur Schamilly und einem Herzl. Den Kosenamen und das Geschenk hat ihr der Liebste gegeben. Ob‘s am Bizeps liegt, ist unklar, jedenfalls betont die hübsche Blondine, sich nur sehr selten gegen aufdringliche Verehrer in Bierlaune zur Wehr setzen zu müssen. „Die meisten sind respektvoll. Es hat Niveau. Es ist nicht so derb“, sagt sie. Aber auch wenn, Camilla Gregor ist eine, die sich behaupten kann.

Umschulen möchte sie gern, auf Tischlerin. Eine eigene Werkstatt wünscht sie sich. Den Saisonjob bei Göckelesmaier will sie aber ebenfalls so schnell nicht aufgeben. „Solange es mir Spaß macht, bleibe ich dabei“, sagt sie. Und wenn sie Mitte Mai nach Hause nach Kaprun reist? Sie lächelt. „Wenn ich heimkomme, dann schlaf ich zwei Tage.“

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27.04.2018, 06:00 Uhr
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