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Für eine Willkommenskultur
Hunderte Bürger demonstrierten gestern Abend gegen Fremdenhass vor dem Gmünder Rathaus. Viele halten eine Kerze in der Hand. Foto: Thomas Mayr
Schwäbisch Gmünder gehen nach Anschlag auf Asylbewerberheim auf die Straße

Für eine Willkommenskultur

Der Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingshaus an Weihnachten hat die Bürger in Schwäbisch Gmünd aufgeschreckt. Jetzt setzen sie ein klares Signal für eine Willkommenskultur in ihrer Stadt.

28.12.2015
  • NICO POINTNER, DPA

In Schwäbisch Gmünd helfen viele Bürger mit, um Asylbewerber zu integrieren. Umso größer ist der Schock, als plötzlich ein geplantes Flüchtlingsheim in Flammen steht - in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag.

"Ganz ehrlich: Das ist ein Scheißgefühl", sagt Ramin Amiri. Der 20-Jährige steht auf dem Marktplatz in Schwäbisch Gmünd, mitten unter hunderten Bürgern mit Kerzenlichtern. Amiri kam vor sechs Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Seit vier Jahren lebt er bereits in der beschaulichen Stadt im Ostalbkreis, er spricht gutes Deutsch.

Amiri fühlt sich hier eigentlich wohl. "Alle hier waren freundlich zu mir. Aber das schockiert." Er will ein Zeichen setzen. Aber er sagt auch: "Natürlich hat man Angst."

Kurz nach Sonnenuntergang kommen Hunderte Bürger unter dem Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz zusammen, laut Stadtverwaltung sind es 800 Menschen. Viele Rettungskräfte und Feuerwehrleute sind da. Auf einem Pappdeckel steht "Unrecht bringt Unglück für alle", eine bunte Friedensflagge weht über den Köpfen.

Es ist kalt, als die Stimme von Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) über den Platz hallt. "Das ist ein Licht der Offenheit gegen Dumpfheit und Dunkelheit", sagt er. Die Bürger halten Kerzen hoch, klatschen immer wieder kräftig. Arnold verliest die "Gmünder Erklärung" zusammen mit dem Gemeinderat, es geht darin um eine Willkommenskultur, um Toleranz und Nächstenliebe.

Als Brandstifter an Weihnachten in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft Feuer legten, sah rein zufällig eine vorbeikommende Streife der Bosch-Werksfeuerwehr am Freitag gegen 3.30 Uhr die Flammen und löscht umgehend. Den Schaden schätzt die Polizei auf etwa 20 000 Euro. Wäre der Brand nur 15 bis 30 Minuten später entdeckt worden, wäre von dem aus Holz errichteten Gebäude vermutlich nicht mehr viel übrig gewesen. Die Unterkunft soll trotzdem vom Frühjahr an bis zu 120 Flüchtlingen eine Bleibe bieten. "Es ist, glaube ich, das einzige Flüchtlingsheim, für das ein Architektenwettbewerb gemacht wurde", erklärt OB Arnold. "Die Unterkünfte entstehen in Holzbauweise und mit viel Glas. Sie stehen bewusst zur Straße hin, um eine Verbindung und Transparenz zur Nachbarschaft herzustellen", erläutert er das Konzept. Er hofft, dass das "Dörfle" trotz des Brandanschlags im Mai bezugsfertig sein wird.

"Das ist nicht nachvollziehbar. Wer macht so was?", fragt Sonja Westphal. Die 63-Jährige hält eine Kerze in ihrer Hand, sie ist empört über den Brandanschlag. Für sie sei es selbstverständlich, ein Signal zu setzen, sagt sie. "Das ist eine Herzensangelegenheit. Wir haben selbst ein Flüchtlingspatenkind", sagt sie. "Der Gmünder Weg zeigt, dass es möglich ist, Flüchtlinge zu integrieren."

Beim "Gmünder Weg" geht es um dezentrale Unterbringung, um Teilhabe, Sprachunterricht, Mitmachen und Ehrenamt. Rathauschef Arnold macht in der Integrations- und Flüchtlingspolitik immer wieder von sich reden. Er bringt Asylbewerber in Wohngemeinschaften unter, ließ im vergangenen Jahr mehr als 70 Flüchtlinge bei der Landesgartenschau mithelfen. "Einfach nur dumm und widerwärtig. Lieber Richard, dein Weihnachten war gestern schon vorbei", schrieb ihm sein Amtskollege Boris Palmer (Grüne) aus Tübingen am Wochenende auf Facebook.

Viele Bürger engagierten sich und hätten mittlerweile Flüchtlinge bei sich aufgenommen, erzählt Arnold. Er kritisiert eine "technokratische" Abschiebepolitik. Zwar ist bislang unklar, ob ein fremdenfeindliches Motiv hinter der Tat steht, aber Arnold sagt, die Bedrohung müsse ernst genommen werden.

"Ein Gebäude ist angezündet worden, aber eigentlich waren die Menschen gemeint, die hier Zuflucht finden sollen", sagt die neue Dekanin der Stadt, Ursula Richter. "Was geschehen ist, ist eine Wunde in unserer Stadt". Das Feuer sei auch ein Anschlag gegen die Botschaft von Weihnachten: "Wer hier meint, auf diese Weise womöglich das christliche Abendland retten zu wollen, der verstößt eklatant gegen die christliche Verkündigung und das, was das Evangelium meint."

Als "widerwärtige Tat" hat auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Brandstiftung an der geplanten Flüchtlingsunterkunft in Schwäbisch Gmünd verurteilt. "Ein Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim ist immer auch ein Angriff auf unsere Gesellschaft", sagte er. "Dass ein solcher Anschlag ausgerechnet an Weihnachten verübt wird, zeigt, welch Geistes Kind die Täter sind."

OB Arnold sagt zur politischen Stimmung im Land: "Mir macht das Sorge, wenn die AfD Zulauf bekommt." Bürger seien verunsichert, das gelte auch für Schwäbisch Gmünd. Es ist schon so, dass es Menschen Angst macht, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen.

Und zur Frage, was die etablierten Parteien tun sollten, sagt er: "Wir müssen Konzepte vorlegen, dass wir das in geregelte Bahnen lenken und zeigen, dass wir es steuern. Im zweiten Schritt geht es um Integration. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen und eine gewaltige Herausforderung. Das wird uns wahrscheinlich auf Jahrzehnte beschäftigen."

Die Gmünder Erklärung

Zeichen Schwäbisch Gmünd setzt nach dem Anschlag auf ein geplantes Flüchtlingswohnheim mit einer Erklärung ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Hier die Erklärung:

Die Wahrung der grundlegenden Werte, Rechte und Freiheiten unseres Grundgesetzes ist eine Selbstverständlichkeit, die von jedem einzelnen im Alltag konsequent angemahnt, eingefordert und politisch in Entscheidungen umgesetzt werden muss.

Über diese Werte hinaus stehen die Gemeinderäte für ein offenes, tolerantes und soziales Schwäbisch Gmünd, das in Nächstenliebe und Barmherzigkeit seine Verantwortung für Menschen in Not und schwerem Schicksal wahrnimmt.

Die Stadt setzt mit Blick auf das Grundgesetz auf Solidarität und eine offene Willkommenskultur jedem einzelnen Menschen gegenüber, ungeachtet seiner religiösen, sozialen, kulturellen oder sprachlichen Herkunft.

Der Gmünder Gemeinderat ist der Überzeugung, dass sich jeder Mensch im Rahmen seiner Fähigkeiten, Talente und seiner Kräfte positiv in die Stadtgesellschaft einbringen und an ihr teilhaben kann. Dies zu fördern und zu fordern ist gemeinsames Ziel städtischer Politik.

Eine offene Willkommenskultur kann nur von allen Bürgerinnen und Bürgern gelebt werden. Der ehrenamtliche Einsatz und das Engagement dieser Menschen, die sich für andere einsetzen und für sie Verantwortung übernehmen, werden als wesentlicher Bestandteil einer modernen, demokratischen Bürgergesellschaft begrüßt und gefördert. dpa

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28.12.2015, 08:30 Uhr
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