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Urteil

Fünf Jahre Haft für „hirnlose Raserei“

Ein 21-Jähriger mietet sich einen 550 PS starken Jaguar, um bei seinen Freunden anzugeben. In Stuttgart-Nord baut er einen tödlichen Unfall. Für das Landgericht ist die Tat kein Mord.

16.11.2019

Von Melissa Seitz

Er verbarg sein Gesicht hinter einem Aktendeckel: der 21-jährige Raser, der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat und dafür zu fünf Jahren hinter Gittern verurteilt wurde. Foto: Marijan Murat/dpa

Stuttgart. Dieser Prozess hat uns so viel Kraft und Energie gekostet“, sagt der Vater von Jacqueline B. zu einer Dame von der Opferbetreuung. Die Strapazen sind ihm ins Gesicht geschrieben. 16 Mal saß er mit seiner Frau und den Eltern vor Riccardo K. im Verhandlungssaal im Landgericht Stuttgart, sie hörten sich von Zeugen und Gutachtern an, wie ein 21-Jähriger mit einem gemieteten Jaguar F-Type durch die Innenstadt gerast ist.

Sie ertrugen es, wenn die Gutachter detailliert beschrieben, wie der Sportwagen am 6. März in den Kleinwagen des jungen Paares, Riccardo K. und Jaqueline B., gerast ist. Sie waren stark, als Bilder des stark deformierten Citroen im Gericht gezeigt wurden. Am Freitag ging der Prozess zu Ende. Die Staatsanwaltschaft hatte den Raser wegen Mordes angeklagt. Das Landgericht verurteilte ihn zu fünf Jahren Jugendstrafe wegen verbotenen Autorennens mit Todesfolge.

„Sie sind kein Mörder“, sagt die Vorsitzende Richterin Cornelie Eßlinger-Graf bei der Urteilsverkündung zu dem Angeklagten. Jedoch muss ihm klar gewesen sein, dass er bei seinem Fahrstil anderen Verkehrsteilnehmern nicht ausweichen konnte. Mit 163 Kilometer pro Stunde ist er über die Rosensteinstraße geheizt. Nur 85 Sekunden dauerte seine letzte Fahrt – von dem Wohnhaus eines Kumpels bis an den Ort, an dem der Jaguar mit circa 100 Kilometer pro Stunde in den Kleinwagen prallte.

Einen Tötungsvorsatz kann man dem jungen Raser nicht nachweisen. „Das Gefahrenszenario waren Ihnen bekannt, aber Sie waren überzeugt, dass sie das Fahrzeug beherrschen. Sie haben auf die Sicherheitssysteme vertraut“, sagt die Vorsitzende Richterin. Der 21-Jährige sei einfach davon ausgegangen, dass es durch seine „hirnlose Raserei“, wie Eßlinger-Graf es nennt, zu keinem Tod kommen würde.

Naiv? Auf jeden Fall. So ein Verhalten und solch eine Einstellung passen aber exakt zu dem, was im psychologischen Gutachten und während des Prozesses über den Angeklagten ans Licht gekommen ist. Der 21-Jährige sei fleißig, habe sich einen Ausbildungsplatz als Kraftfahrzeugmechatroniker bei Mercedes-Benz ergattern können und sei ein Familienmensch. Ein Nesthäkchen, das „Baby“ der Familie und weit weg davon, sich von ihr zu lösen.

Ab und zu habe ihn wohl auch seine Mutter ins Bett gebracht, erzählt Eßlinger-Graf im Gericht. Auch wenn er 21 Jahre alt ist, im Kopf ticke er noch wie ein Junge im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Sein Mittel, um männlich zu wirken und anzugeben, waren die hoch motorisierten Autos, die er sich regelmäßig ausgeliehen hatte.

„Einen besten Freund haben Sie nicht“, sagt Eßlinger-Graf zu dem Angeklagten. „Ein Außenseiter sind aber auch nicht.“ Um in seinem Freundeskreis dazuzugehören, legte er Wert auf Markenklamotten, ein neues Handys und eben schnelle Autos.

Dass genau dieses Verhalten zu so einer Tragödie geführt hat, macht die Richterin sprachlos: „Das Motiv für die Tat: angeben. Das ist an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten.“ Sie fügt hinzu: „Wer sein Selbstwertgefühl durch Rasen stärkt, hat ein Problem.“ Der 21-Jährige müsse an seinen Persönlichkeitsdefiziten arbeiten.

Positiv auf das Urteil hat sich ausgewirkt, dass der junge Raser eingeräumt hat, was passiert ist. Er bereue die Tat und sein Verhalten und wisse nicht, wie er mit der Schuld umgehen soll. Das stand in einer Stellungnahme, die er im Oktober von seinem Strafverteidiger vorlesen ließ.

Während der nicht-öffentlichen Plädoyers richtete er wohl auch einige Worte an die Angehörigen. Damit sei es aber nicht getan, sagt die Vorsitzende Richterin. „Sie haben den Familien unendliches Leid zugefügt.“

Eßlinger-Graf war sich über das mediale Interesse an dem Raser-Prozess bewusst. „Das ist nachvollziehbar, schließlich lautete die Anklage Mord.“ Der Kammer sei es aber darum gegangen, festzustellen, was geschehen war: „In dem Prozess ging es um die Schwere der Tat, nicht um Abschreckung.“

Selbst wenn der Angeklagte wegen Mordes verurteilt worden wäre, würde das nicht den von vielen gewünschten Effekt bringen, vermutet Eßlinger-Graf: „Ein Mordurteil als Abschreckung in diesem Klientel funktioniert wahrscheinlich nicht.“

Als dem 21-Jährigen die Handschellen angelegt werden, um ihn abzuführen, steht die Mutter von Riccardo K. von ihrem Platz auf und läuft zu dem Angeklagten nach vorne. Sie stellt sich vor ihn und spricht ihn an, zwei oder drei Sätze, mehr sind es nicht. Was sie sagt, ist nicht hörbar. Doch in ihrem Gesicht ist eine Emotion deutlich zu erkennen: Trauer.

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Erstellt:
16. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 06:00 Uhr

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