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Rottenburg

Gedenken an Eugen Bolz: Frühzeitig wachsam sein

An die 1200 Rottenburger Schülerinnen und Schüler hörten gestern auf dem Eugen-Bolz-Platz, was sie von dem vor 74 Jahren von den Nationalsozialisten hingerichteten Eugen Bolz lernen können.

24.01.2019

Von Hete Henning

Schüler des Eugen-Bolz-Gymnasiums machten einen Schnelldurchlauf durch die Biografie Eugen Bolz’. Danach interviewten Schüler anderer Schulen Oberbürgermeister Stephan Neher und Bischof Gebhard Fürst zur heutigen Bedeutung des Rottenburger Ehrenbürgers. Bilder: Anne Faden

Es waren sehr viele, aber es hätten noch mehr sein können. Eingeladen waren die Schüler und Schülerinnen aller weiterführenden Schulen in Rottenburg, „ab 9. Klasse aufwärts“, wie Heike Kächele vom Kulturamt sagte. Die Stadt Rottenburg, die Eugen-Bolz-Stiftung und die Diözese Rottenburg-Stuttgart hatten mit bis zu 1800 Jugendlichen auf dem Eugen-Bolz-Platz gerechnet. Tatsächlich kamen am Vormittag an die 1200 zu der gut einstündigen Veranstaltung im Gedenken an den gebürtigen Rottenburger Eugen Bolz.

Der frühere Staatspräsident Württembergs, geboren am 15. Dezember 1881, hatte dem Regime der Nationalsozialisten entschieden Widerstand geleistet. Weil er zum Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler gehört hatte, wurde der Zentrumspolitiker am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet. Die Enthauptung, erfuhr das Publikum von einer Schülerin des Eugen-Bolz-Gymnasiums, habe als ehrenvollere Exekution gegolten als der Tod durch den Strang. Unter den Zuhörern waren auch Mitglieder der Familie Rupf-Bolz, Rottenburgs Alt-OB Winfried Löffler, der Tübinger SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Rosemann, Landrat Joachim Walter sowie Gemeinde- und Kreisratsmitglieder.

OB Stephan Neher und Bischof Gebhard Fürst bei der Kranzniederlegung mit Gebet.Bilder: Anne Faden

Die Geschichte als Lehrmeister

Nach einem Schnelldurchlauf durch die Biografie des Rottenburger Ehrenbürgers wandten sich die Jugendlichen an den Mikrofonen der Frage nach dem Sinn des Gedenkens zu. Die Geschichte lehre, wohin Antisemitismus und Rassismus führen können, sagte eine Schülerin. „Gerade wir müssen uns damit beschäftigen, weil wir es nicht mehr im Fokus haben.“

Das Geschehen auf der Bühne beim Eugen-Bolz-Denkmal vorm „Martinshof“ wurde in exzellenter Qualität auf einen großen Bildschirm übertragen. Nicht so gut sei der Ton gewesen, sagte ein Zehntklässler, hinten auf dem Platz sei manches nicht so gut verständlich gewesen.

Inhaltlich waren Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher und Bischof Gebhard Fürst als Interviewpartner einer Schülergruppe von Paul-Klee-Gymnasium, St. Meinrad-Gymnasium und der Schule St. Klara aber kaum misszuverstehen. Bolz sei ein Vorbild, weil er „ein durch und durch engagierter und politisch aktiver Mensch war“, der sich an einem christlichen Wertekanon orientierte, so Fürst. Wichtig seien ihm die Menschen und ihr Wohlergehen, Demokratie und Freiheit gewesen. Unterschiede zwischen Klassen und Rassen habe Bolz nicht gemacht. Und obwohl es ihm Nachteile brachte, sei er seiner Überzeugung treu geblieben. „Dafür haben ihn die Nazis wie kaum einen anderen Politiker gehasst.“

Anderen helfen oder schaden?

Bolz lehrt uns, frühzeitig zu schauen und wachsam zu sein, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt“, sagte Neher. Je früher man gegen Fehlentwicklungen angehe, desto weniger müsse man ein Held sein. Der Bischof wies auf das gestiegene Gewaltpotenzial in der Gesellschaft hin, auf Hassmails und Denunziationen in den Social Media. Im Alltag, auch auf dem Schulhof, gelte es genau zu schauen, „ob ich mit meiner Verwirklichung dem Anderen schade oder ob ich ihm helfe. Gegen die egoistische „I am the first“ -Mentalität gelte es anzukämpfen.

Im Anschluss legte Neher einen Kranz am Bolz-Denkmal von Ralf Ehmann nieder, gefolgt von einem Gebet des Bischofs: Gott möge helfen, zu gucken, „wo Wirtschaft und Politik menschenfeindlich sind“, und mutig das zu tun, „was wir als richtig erkannt haben“.

Gut hundert Menschen hatten sich zum morgendlichen Gedenk-Gottesdienst in der St. Moriz-Kirche eingefunden. Generalvikar Clemens Stroppel baute seine Predigt auf einer Passage aus dem Markus-Evangelium auf, die die liturgische Leseordnung just gestern vorsah. Jesus geht darin am Sabbat in eine Synagoge, wo er auf einen Mann mit einer verkrüppelten Hand trifft. Die Pharisäer, die einen Grund zur Anklage Jesu suchen, warten geradezu darauf, dass er den Mann am Sabbat heilen wird. Jesus sagt zu ihm: „Steh auf und stell dich in die Mitte.“ Und die anderen fragt er: „Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten?“ Jesus heilt den Mann, und die Pharisäer beschließen, ihn umzubringen.

Darin steckten mindestens drei Verbindungen zu Eugen Bolz, so Stroppel: Sein Einsatz für den Schutz der unantastbaren Würde des Einzelnen, seine Trennung von Gut und Böse und der Beschluss der Nationalsozialisten, ihn zu beseitigen. Es gab, so Stroppel, „keine Doppelmoral für Eugen Bolz“.

Großveranstaltung wegen des rauer werdenden Tons

Die Stadt Rottenburg gedenkt seit 1975 stets am 23. Januar ihres 1945 an diesem Tag hingerichteten Ehrenbürgers Eugen Bolz. Der Oberbürgermeister legt nach einem Gottesdienst in der Morizkirche, wo Bolz getauft wurde, einen Kranz an der Bolz-Erinnerungstafel nieder. Abends folgt eine Veranstaltung des Eugen-Bolz-Gymnasiums mit einem Gastredner, flankiert von Schülerarbeiten oder Präsentationen zu Leben, Werk und Vorbildfunktion des katholischen Zentrumspolitikers gegen die Nationalsozialisten. So war es auch dieses Jahr.

Neu war jedoch die zentrale Veranstaltung mit Schülern aller weiterführenden Rottenburger Schulen auf dem Eugen-Bolz-Platz. Grund dafür sei die anstehende Europa-Wahl, sagte OB Stephan Neher dem TAGBLATT. Der Ton sei überall in Europa „rauer und radikaler“ geworden. Da sei es gut, wenn Schüler sich mit Bolz‘ Einsatz gegen ein menschenverachtendes Regime beschäftigten.

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Erstellt:
24. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 01:00 Uhr

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