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Porträt der Schauspielerin Uta Krause

Früher Zimmertheater, nun Landestheater

Sie enterte die Werkstatt mit Aplomb, und zwar mit einer grandiosen „Martha“ in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Sie teilt sich in dieser Spielzeit die seit dem Weggang Katja Gaudards frei gewordene Stelle zur Hälfte mit Kollegin Marion Bordat (die wir demnächst vorstellen): Uta Krause. Neu am LTT. Und doch eine gute Bekannte im Tübinger Theaterleben.

13.03.2012

Von Peter Ertle

Tübingen. Unter der Intendanz Vera Sturms zwischen 2002 und 2006 gehörte sie, fast hätte man gesagt zum Ensemble, aber das gab es damals ja nicht, also: zu jenem Pool von Schauspielern, die wie eine große Theaterfamilie die Stücke bevölkerten. Sie spielte in „Lucie Cabrol“, in Taboris „Goldbergvariationen“, in Jandls „Aus der Fremde“, sie verlegte Kafkas „Bau“ beeindruckend in die Alte Anatomie – um nur die Hauptstücke zu nennen.

„Das ist eigenartig. In der Alten Anatomie hat mein Vater schon studiert“, sagt sie, später war er Internist in der Nähe von Tübingen. Aufgewachsen ist er in Essen, auch da hat sie eine Zeit lang Theater gespielt: „Manchmal könnte man meinen, ich bin meinem Vater hinterhergefahren.“ Der Vater lebt inzwischen nicht mehr, aber er hat sie noch spielen sehen, auch in der Alten Anatomie. Auch zwei ihrer Schwestern leben ganz in der Nähe. Wenn sie heute während der Proben in Tübingen ist, wohnt sie wieder in der WG, in der sie während der Zimmertheater-Zeit wohnte. Sie mag die Stadt, erzählt, wie sie in ihrer Anfangszeit einmal aufgrund einer Stimmbandmalaise in der Apotheke ein Rezept abholte. „Als der Apotheker sagte: ?Für eine Schauspielerin ist das natürlich schlecht? hab ich gewusst: Ich bin angekommen in der Stadt.“ Der Apotheker kommt heute wieder zu den Aufführungen – diesmal ins LTT.

Nach ihrer Zeit am Zimmertheater war sie bis 2010 am Freiburger Theater, wo ihr momentan vor allem noch ein von ihr gespieltes Einfraustück über Petra Kelly am Herzen liegt. Das würde sie gern auch den Tübingern zeigen. Mit einem anderen Gastspiel aus Freiburg, Zaimoglus „Schwarzen Jungfrauen“ gastierte sie 2007 im LTT. Und vor zwei Jahren erweckte sie zusammen mit dem Tübinger Pianistenpaar Sachi Nagaki und Jean- Christophe Schwerteck im Pfleghof Robert Schumann zum Künstlerleben.

So richtig weg war sie also nie. Und jetzt ist sie wieder da. Will im Moment aber kein Vollzeitengagement, keine Theatertretmühle: „Man kommt nicht mehr raus, sieht die Welt nicht mehr, begegnet den Menschen nicht mehr, die man darstellt.“ Output ohne Input. Nicht gut. Das ist das eine. Das andere: Es gibt einen Mann, in Bremen. Und bei ihm einen Hund, der Sepp heißt, eine wunderbar gefleckte Promenadenmischung. Uta Krause hält inne, sagt: „Was erzähl? ich denn da alles, warum erzähl ich Ihnen das eigentlich?“ Das kann letztlich nur sie selbst wissen. Vielleicht ist der Grund aber auch ganz einfach: Weil wir fragen. Weil wir sie den Lesern vorstellen wollen.

Bremen jedenfalls, meint Uta Krause, sei auf Dauer eine zu große Distanz. Auch das sprach gegen ein festes Vollzeitengagement im Süden. Da kommt ihr die jetzt gefundene Lösung gerade recht. Ein Stück zu Beginn der Spielzeit, eins am Ende. Das am Ende: „Happy End“, die Proben beginnen im April. Das am Anfang: „Wer hat Angst vor Virgina Woolf?“ Die glänzende Inszenierung Jenke Nordalms ist mit das beste, was zur Zeit in Tübingen zu sehen ist. Das ist auch das Verdienst Uta Krauses.

Sie kommt aus der Region, 1968 in Stuttgart geboren, der Vater wie gesagt aus dem Ruhrpott, die Mutter Österreicherin. Die Eltern trennen sich. Uta Krause wächst einesteils in den Dolomiten, andernteils auf der schwäbischen Alb auf „ich mag?s heute noch hügelig“. Ist in Bremen irgendwo ein Hügel? „Nein“, lacht sie, „aber es ist auch sehr, sehr schön.“

Die Deutschlehrerin auf dem Gymnasium in Bad Urach sagte, sie solle in die Theater-AG, „ich wäre da nicht hin, ich war viel zu schüchtern.“ Und sie wollte ja Zoologin werden, ursprünglich. Oder Trompeterin. Sie hatte Trompetenunterricht. Dann entschied sie sich doch für Schauspielunterricht, und zwar an der Theaterakademie Spielstatt Ulm. Es folgten Engagements unter anderem am Grillotheater Essen, bei den Freien Kammerspielen Magdeburg, der Bremer Shakespeare Company, am Stuttgarter Staatstheater, am Luzerner Theater, im Frankfurter Schauspiel und wie gesagt am Tübinger Zimmertheater und in Freiburg. Mal fest im Ensemble, mal frei, dazwischen mal arbeitslos. Nicht immer reibungslos, nicht immer glücklich, dazu ist sie nicht der Typ. Kann sich nicht so gut verkaufen, tut sich schwer damit, an Türen zu klopfen, auf sich aufmerksam zu machen. Eine, die zu Selbstzweifeln neigt. Wer sie als Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ gesehen hat, wird das nicht glauben. Das gefällt ihr.

Was ihr nicht gefällt: Wenn Rollen streng nach Typen besetzt werden. Der Kern des Theaters sei doch Verwandlung, sagt sie und erzählt von einer Rolle, bei der selbst ihre Mutter im Publikum sie die erste halbe Stunde nicht erkannt hätte. Ein Triumph.

Und „ich brauche gar nicht immer eine große Rolle, wichtig ist vor allem: Auf der Bühne wirklich anwesend sein.“ Es geht ihr weniger um Personen, mehr um Szenen. In Szene Gesetztes von Sebastian Nübling oder Christoph Marthaler hat sie übrigens am liebsten. Sie sagt: „Als Zuschauerin im Theater denke ich mir manchmal: Da, in dieser Bühnensituation, zwischen diesen Figuren wäre ich jetzt auch gern dabei.“ Uta Krause hält inne, lauscht dem eben gesprochenen Satz hinterher, hält die Hände vor den Mund, sagt: „Rede ich Unsinn? Ich glaube, ich rede Unsinn.“ Das kann letztlich nur sie selbst entscheiden, aber eigentlich klingt nichts von alledem unsinnig.

Text kann sie am besten in Cafés lernen. Der Geräuschpegel als Konzentration steigernde Hürde, aber wohl auch als beruhigende Glocke, unter der sie sich gut aufgehoben fühlt. Die Frage nach einem Theatersatz, der ihr spontan einfällt, rennt bei ihr offene Türen ein, denn „bei jedem Stück, das ich spiele, gibt es für mich einen Satz, in dem das ganze Stück drinsteckt. Aber so lange ich das Stück spiele, darf ich den Satz nicht sagen.“ Gegen Rituale darf man nicht verstoßen. Also fällt „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ schon mal weg. Dafür präsentiert sie „Es kommt Wind auf“, natürlich aus einem Tschechow, ein Satz wie eine Stückessenz, findet sie. Dann „Ich muss der Monika noch einen ausgeben“, hörbar kein Tschechow, vielleicht auch keine Essenz, aber einer dieser randständigen Wegwerfsätze, für die sie sich denn auch tatsächlich wegschmeißen könnte, sie weiß selbst nicht warum. Beim Gehen sagt sie plötzlich: „Jetzt ist mir noch ein Satz eingefallen.“ Er lautet: „Wie es hier aussähe“ und stammt aus Jandls mit lauter Konjunktiven gespicktem Stück „Aus der Fremde“.

Das einzige, was sie an ihrem Vertrag mit dem LTT bekümmert: „Dass ich nicht mit Marion Bordat zusammen spielen kann.“

Uta Krause, in doppelter Hinsicht nur „halb neu“ am LTT und dem Tübinger Schauspielleben.Bild: Faden

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Erstellt:
13. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. März 2012, 12:00 Uhr

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