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Leitartikel Kopftuch

Frühe Ausgrenzung

Die Taktik verspricht Erfolg: Mit leidenschaftlichen Debatten über ein emotionalisiertes Randphänomen lässt sich ablenken von schwierigen politischen Fragen wie beispielsweise der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft. Antworten dazu sind schwierig. Leichter schärfen lässt sich das eigene Profil mit der Positionierung zum Islam.

13.04.2018
  • ELISABETH ZOLL

Die Diskussion über ein Kopftuchverbot für Mädchen an Grundschulen, die das Bundesland Nordrhein-Westfalen angestoßen hat, könnte als solch ein Ablenkungsmanöver gedeutet werden. Wieder geht es um Muslime und damit den Islam in Deutschland. Wieder müssen Frauenköpfe herhalten, um Erfolge und Misserfolge der Integration zu bemessen.

Die Rückmeldungen der vergangenen Tage erwecken den Eindruck, als habe Deutschland ein veritables Problem mit kopftuchtragenden Mädchen in Kindergärten und Grundschulen. Dabei handelt es sich bei ihnen um Einzelfälle – jedoch mit steigender Tendenz. Rechtfertigt das schon eine Debatte über ein Verbot des Kopftuches an Grundschulen? Eingriffe in das Elternrecht wären damit verbunden, möglicherweise auch verfassungsrechtliche Fragen. Denn, so betont der Göttinger Verfassungsrechtler Hans Michael Heinig, ist „solange das Kindeswohl nicht gefährdet ist, auch die familiäre Weitergabe religiöser Sonderbarkeiten freiheitsrechtlich geschützt“.

Trotzdem ist die Debatte richtig. Im muslimischen Glauben ist die Kopfbedeckung – wenn überhaupt – erst von der Pubertät an ein religiöses Gebot. Mit ihrer Religionsmündigkeit ab 14 Jahren können sich Jugendliche entscheiden, wie sie dazu stehen.

Eine Kopfbedeckung im Kindesalter erfüllt keinen religiösen Zweck. Sie dient der sichtbaren Abgrenzung von Mädchen – und führt damit früh zu deren Ausgrenzung. Ein unbefangener Umgang unter Kindern wird erschwert. Mädchen werden über ein Kleidungsstück in ganz jungen Jahren mit einem „sexualisierten“ Werte- und Rollenverständnis konfrontiert und möglicherweise von ihren Familien instrumentalisiert. Daran kann die Gesellschaft kein Interesse haben.

Kindergarten und Schule müssen Kindern aus deutschen und aus Zuwandererfamilien Chancen auf Teilhabe eröffnen. In vielen Fällen klappt das auch. Muslimische Schülerinnen holen bei höheren Schulabschlüssen auf. Der Berliner Pädagoge Rainer Werner spricht mit Blick auf türkische Mädchen von „Gewinnerinnen der Integration“. Doch die Erfolgsgeschichten kommen schnell an ihr Ende. Beim Einstieg in den Beruf und später beim Aufstieg in Unternehmen stoßen kopftuchtragende Frauen an Grenzen. Sie werden im besonderen Maße ausgebremst und damit auf traditionelle Rollenmuster zurückgeworfen. Auch das gehört zur Bilanz.

Wenn Politiker Lehrer auffordern, Konflikte im Gespräch mit muslimischen Eltern zu lösen, schieben sie den „Schwarzen Peter“ den Pädagogen zu. Es ist die Aufgabe der Politik, Regeln für das Miteinander in der Gesellschaft zu formulieren. Dazu gehört auch das Miteinander in Schulen. Ein Kopftuchverbot schafft dort Klarheit.

leitartikel@swp.de

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13.04.2018, 06:00 Uhr
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