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Baden-Württemberg – China

From Asia with Love

Seit zehn Jahren entwickelt die Pfullinger Grace GmbH exklusive Frottierwaren für den deutschen und europäischen Markt und lässt sie von Grace in China produzieren. Eine nicht ganz alltägliche deutsch-chinesische Geschichte.

14.12.2018

Von TEXT: Bernd Ulrich Steinhilber FOTOs: Unternehmen

Selbständig und doch eng miteinander verbandelt, unterscheiden sich die beiden Familienunternehmen vor allem in Größe und Marketing. Grace in Fernost bringt es auf 300 Millionen Euro Umsatz. Gerademal den hundertsten Teil davon erwirtschaften Dan Shi, die Tochter des Firmengründers von Grace China, und ihr Ehemann Vinzenz Härle mit ihrer Grace GmbH in Pfullingen. Doch ist es ihnen mit „grace“ und „grace grand spa“ gelungen, zwei erfolgreiche Marken zu platzieren, die auf alltägliche, aber auch auf besonders luxuriöse Wünsche im Badezimmer zugeschnitten sind.

Auch wenn sich ihre Frottierwaren in mancherlei Hinsicht von den für China hergestellten Artikeln unterscheiden, liegt die Basis für den Erfolg von Grace Pfullingen im Südosten des Landes. In China führt Grace mit 7000 Mitarbeitern den Markt für exklusive Frottierwaren an und expandiert munter weiter, wobei der Export keine Rolle spielt.

Einzige Ausnahme ist Grace Pfullingen, und das ist ein kleiner Bruchteil der Gesamtproduktion. Dan Shi, die Internationales Business und Englisch studiert und in China für Marketing, Messen und Vertrieb von Grace zuständig war, erklärt das so: „Grace will sich nicht vom internationalen Markt abhängig machen, Grace will Marktführer in China sein.“ Was gelungen ist. „In China kennt uns jeder“, sagt Dan Shi. „In Deutschland machen wir uns gerade bekannt.“

Dan Shis Vater, als Beamter einst zuständig für den Industrieaufbau, gründete Grace 1987 in Zhuji, einem Zentrum der Textilindustrie. Shi startete mit 300 Mitarbeitern und beschäftigte sich neben der vollstufigen Herstellung von Frottierwaren schon bald damit, Fabriken dort zu bauen, wo die beste Baumwolle wächst. So gelang es ihm, sich Rohbaumwollkontingente zu sichern und vom volatilen Rohstoffmarkt abzukoppeln. Shi entschied sich für eine Baumwolle mit langen Fasern, mit der sich sehr hochwertige Frottierwaren herstellen lassen. Von Anfang an stand die Qualität im Mittelpunkt, und nicht zufällig besitzen alle Grace-Artikel das Ökotex-Siegel. In Europa orderte Dan Shis Vater die Maschinen, mit denen er vollstufig alle Frottierwaren von der rohen Baumwolle bis zum fertigen Produkt – Spinnen, Färben, Weben, Nähen – herstellen lässt.

Eine Autostunde von Zhuji entfernt liegt Hangzhou, die Hauptstadt der chinesischen Provinz Zhejiang am südlichen Ende des alten Kaiserkanals. Gerühmt wird die Millionenstadt am Ostchinesischen Meer für ihren Westsee mit seinen kleinen Inseln, Tempeln, Pavillons, Gärten und Bogenbrücken sowie für die fünfstöckige Leifeng-Pagode am Südufer, auch wenn es sich dabei um eine moderne Rekonstruktion ihres 975 vor Chr. errichteten Originals handelt.

Hangzhou ist einer der Standorte von Grace China, wo Dan Shi arbeitete. Und Hangzhou ist, was für die deutsche Grace-GmbH eine entscheidende Rolle spielen sollte, auch Standort der Niederlassung von Bosch-Powertools China. Ohne beide gäbe es in Pfullingen heute ein prosperierendes Familienunternehmen weniger.

Selbst wenn man es sich verkneift, diese Geschichte als romantisches Märchen zu erzählen, in dem zwei Menschen aus zwei Kulturkreisen zusammenfinden, um danach in Deutschland erfolgreich eine Firma aufzubauen, bleibt es eine Story über eine nichtalltägliche chinesisch-deutsche Kooperation. Vinzenz Härle, dem im Jahr 2000 die Verantwortung eines Joint-Ventures von Bosch mit damals ebenfalls 300 Mitarbeitern übertragen wurde, entwickelte daraus die Bosch-Powertools China, ein nunmehr 100-prozentiges Bosch-Unternehmen mit zirka 4000 Mitarbeitern bei seinem Weggang im Jahr 2008. Als Geschäftsleiter von Bosch Powertools China war er auch zuständig für die Produktion von Elektrowerkzeugen in den Werken in Malaysia und Indien und die Logistik im Raum Asien Pacific, bis er sich im Jahr 2008 aus China verabschiedete. „Das war eine schwere Entscheidung“, erinnert er sich. Schließlich sei er „ein leidenschaftlicher Entwickler“ gewesen und habe damit Erfolg gehabt.

Nach Deutschland begleitet wurde er von seiner Frau Dan Shi, die er in einem Pub am Westsee in Hangzhou kennengelernt hatte. Immer freitags nach der Arbeit traf er sich dort mit Freunden zum Bier und Dan Shi gelegentlich mit ihren Freundinnen. Das war 2001, die Konversation englisch, der Umgang höflich und die Sitte ganz und gar chinesisch. Sie lächelt, wenn sie daran denkt, wie der Kontakt damals zustande kam.

Spricht man sie auf Grace China und die Pfullinger Grace-GmbH an, legt sie Wert auf die Feststellung, dass die Entscheidung, Grace in Deutschland zu etablieren, noch vor ihrer Abreise aus China gefallen sei, und zwar aus eigenem Antrieb. „Ich habe keinen Auftrag bekommen“, betont sie, „ich habe meine Entscheidung eigenständig getroffen.“

Womit die Würfel gefallen waren. Härle nahm eine Auszeit und unterstützte seine Frau. Schon ein Jahr später stieg er ganz in das Unternehmen ein, das seinen Sitz zunächst in Reutlingen hatte und 2015 in der Pfullinger Carl-Zeiss-Straße einen Neubau bezog.

Hier entwickelt und designt Dan Shi die Artikel für den europäischen Markt. Denn „was Grace in China für den chinesischen Markt herstellt, kann man in Deutschland nicht verkaufen“. Dort sind Größe, Design und Farben auf asiatische Ästhetik abgestellt. „Wir können nicht einfach Waren aus China ordern und in Deutschland vermarkten. Das funktioniert nicht.“

Folglich stellt das inzwischen von ihrem Bruder geleitete Unternehmen in China die Frottierwaren für Grace Pfullingen nach Dan Shis Vorgaben her. Für ihn eine Petitesse: der monatliche Container mit 420 Kartons und 12 000 Artikeln in 40 Unifarben, das Lager in China, das als Puffer dient, um Reaktionszeiten verkürzen zu können. Mehr nicht. Grace wolle sich nicht vom Export abhängig machen, sagt Dan Shi, und überhaupt: „In Deutschland investieren Chinesen in Schlüsseltechnologien und nicht in Frottierwaren“.

Zusammen mit ihrem Mann entwickelt auch sie ihre Artikel „systematisch und marktorientiert“, ohne sich finanziell abhängig zu machen. Das ist der Grund dafür, weshalb der Aufbau des Unternehmens mit heute 33 Mitarbeitern und drei Millionen Euro Umsatz langsam, immer nur Schritt für Schritt, erfolgt.

Ziel der Grace GmbH sei es, in Deutschland und Europa „eine exklusive Marke“ aufzubauen: „Wir sind und werden kein Lieferant von Discountern.“ Würde Grace sich darauf einlassen, so Härle, „könnten wir längst weiter sein“.

Weiter schon als mit derzeit neun eigenen Filialen, den 25 Shop in Shops und dem Online-Auftritt. „Unsere Chance ist der Direktvertrieb.“ So könne Grace „seine Kompetenz und seinen Qualitätsanspruch unter Beweis stellen.“

Trotz des nicht gerade einfachen Umfelds ist das Ehepaar optimistisch. „Die Qualität“, sagt Härle, sei super. „Wir haben kein Problem damit, in den Fachhandel zu kommen.“ Und auch wenn es nur Schritt um Schritt weitergehe, dürfte der Umsatz in spätestens drei Jahren bei fünf Millionen Euro liegen.

Gerne bekennt sich Härle als Familienmensch, der sich ein wenig aus dem Geschäft zurückzieht, wie Dan Shi erklärt, um sich halbtags um die beiden Kinder Carl, 13, und Hanna, 4, und um sein Hobby als Gärtner zu kümmern. Indes engagiert sich Dan Shi auch im Marketingclub und im Gremium der Industrie- und Handelskammer. Obzwar sie längst perfekt deutsch spricht, gilt für sie immer noch, für was sie sich vor zehn Jahren entschieden hat: „Ich will das Leben hier verstehen.“

Dan Shi und ihr Mann Vinzenz Härle haben die deutsche Grace GmbH vor zehn Jahren gegründet. Ihre Produkte lassen sie bei Grace, dem Marktführer für exklusive Frottierwaren in China, herstellen.

Für eine angenehme Haptik sorgt langfaserige Baumwolle aus dem Norden Chinas. Das Design orientiert sich am europäischen Geschmack.

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Erstellt:
14. Dezember 2018, 06:57 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2018, 06:57 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 06:57 Uhr

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