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Fröhlicher Farbklecks im London-Grau
Paula Chappell vor ihrem rosa Taxi. Foto: Hendrik Bebber
Verkehr

Fröhlicher Farbklecks im London-Grau

Mit ihrem rosa Taxi ist Paula Chappell in London natürlich eine Besonderheit. Es ist aber nicht nur die Farbe ihres Taxis, die sie so besonders macht.

12.09.2017
  • HENDRIK BEBBER

London. Durch den grauen Nieselregen über den Piccadilly Circus schiebt sich ein fröhlicher Farbklecks, der den Passanten ein Lächeln entlockt. Es ist Paula Chappell in ihrem rosa Taxi. Sie ist immer noch eine Besonderheit unter den 23 000 „Black Cabs“ , wie die traditionellen Londoner Taxis immer noch offiziell heißen, wenngleich auch der schwarze Lack der typischen Fahrzeuge nicht mehr Vorschrift ist. Paula ließ ihr ursprünglich weißes Taxi in sattes Rosa spritzen, weil sie diese Farbe an die glückliche Kindheit im rosa Haus ihrer Großmutter erinnert.

Es ist nicht nur die Farbe ihres Fahrzeuges, die Paula von der Norm abhebt. Sie gehört zu den gerade zwei Prozent der Frauen, die in der von Männern dominierten Branche ein Taxi steuern. Reizt die Farbe vor allem Frauen, mit diesem Taxi zu fahren? Nein, sagt Paula. „Natürlich kommt es vor, dass Frauen mich besonders nach einem Nachtbummel in der Londoner Innenstadt spontan wählen. Aber die Mehrzahl meiner Kunden sind Männer.“

Nur einige Saudis winken ab

Wie sie sagt, spielt ihr Geschlecht keine Rolle, wenn Kunden ihren Taxidienst beanspruchen. „Nur einige Saudi-Araber winkten ab, weil sie sich nicht von Frauen chauffieren lassen wollen.“ Besonders gerne fährt sie Deutsche und Franzosen, „weil diese bei den Trinkgeldern recht großzügig sind“. Und amüsiert hört sie zu, wenn ihr Amerikaner die Stadt erklären: „Sie haben sich meistens vorher gut im Reiseführer informiert.“

Paula lässt zuweilen ihren Fahrgästen die Wahl, ob sie auf der kürzesten Strecke zum Ziel gelangen oder einen Umweg über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Londons machen wollen. Besonders Chinesen und Japaner nehmen diese Einladung gerne an. Denn niemand kann Londoner Taxifahrer in Sachen Lokalkenntnis schlagen.

Wer die Lizenz bekommt, hat die mörderische Prüfung des „Knowledge“ hinter sich. Das „Wissen“ umfasst nicht nur detaillierte Straßenkenntnisse von 300 Routen in London, sondern auch die Lage von tausenden Hotels, Botschaften, Restaurants, Theatern, Kinos, Gotteshäuser aller Konfessionen, Firmen und öffentlichen Einrichtungen.

Als „Knowledge Girl“ hat Paula über ein Jahr lang die Prüfstrecken mit einem Motorroller abgefahren und die Einzelheiten jeder Straßenkreuzung notiert. „Es war sehr anstrengend“, erinnert sie sich, „aber kam auch meinem Naturell entgegen, denn ich bin eine Perfektionistin“.

Seit sechs Jahren hat sie die begehrte Lizenz. Als alleinerziehende Mutter schätzte sie den Job, weil sie ihre Arbeitszeit selbst einteilen konnte. Paula fährt im Zwei-Tage-Rhythmus. In den Ruhetagen entspannt sie mit Yoga und Gymnastik den vom langen Sitzen am Steuer steif gewordenen Körper und passt auf ihre Enkel auf.

An die 300 Kilometer fährt sie durchschnittlich an einem Arbeitstag, der mit kurzen Schlafpausen in den Wartezeiten 18 Stunden dauert. „Das Geschäft wird von Jahr zu Jahr schwieriger“, sagt Paula und seufzt. „Die Baustellen schießen aus dem Boden, und jeden Morgen muss ich die Fahrstrecken neu kalkulieren.“ Es gebe jetzt zwar weniger illegale Mietwagen, aber Uber „raubt uns viele Fahrgäste“. Und: Man müsse vor allem im Stoßverkehr höllisch auf die Radfahrer aufpassen, die halsbrecherisch durch die Autoschlangen kurven.

Im Laufe der Jahre hat Paula viele prominente Stammkunden gewonnen. Victoria Beckham und Boris Becker machten es sich schon auf den violetten Ledersitzen bequem. Der ehemalige Vizepremier Nick Clegg und die Lords David Owen und Cecil Parkinson ließen sich von ihr häufig durch London chauffieren. Ein Foto von Boris Becker, der mit breiten Lachen in ihr Taxi steigt, stellte Paula mit dem ironischen Kommentar ins Internet: „Ich bringe Sie überall hin, wenn es nicht eine Besenkammer ist.“

Bislang hat Paula keine schlechten Erfahrungen gemacht. Kein Besoffener hat ihr das Auto vollgekotzt oder versucht, sie um den Fahrpreis zu prellen. Sollte das vorkommen, könnte sie einfach die Türen verriegeln und blitzschnell Kollegen alarmieren.

Wenn das Licht auf ihrem rosa Taxi nicht leuchtet, kann jeder Paula vom Straßenrand aus für eine Fahrt anheuern. Auf Zurufe „Taxi, Taxi“ dürfen die Fahrer nicht reagieren, sondern man muss einfach mit der Hand oder dem Regenschirm winken. Die Kunden nennen den Fahrern vor dem Einstieg das Ziel und zahlen dann den Preis, den das geeichte Tachometer anzeigt.

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12.09.2017, 06:00 Uhr
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