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Tripolis

Friedhof der unbekannten Migranten

Tausende Menschen sterben seit Jahren beim Versuch, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Was geschieht mit den Leichen?

29.12.2015
  • MOHAMAD ALI HARISSI, AFP

Imad ben Salem wischt Staub vom Grabstein. Es ist der Grabstein seines Bruders - eines der vielen Migranten, deren Odyssee hier endete. Auf dem "Friedhof der Unbekannten". Hunderte Menschen liegen hier begraben. Menschen, deren Traum von einem Leben in Europa im Mittelmeer endete: auf dem Friedhof Bir el-Osta Milad vor den Toren von Libyens Hauptstadt Tripolis. Die Toten sollen in ihre Heimatländer übergeführt werden, sobald ihre Identität geklärt ist.

Es steht kein Name auf dem Stein, nur ein Datum. Doch mit Hilfe des libyschen Roten Halbmonds hat der 29-jährige Tunesier das Grab gefunden und ist sich sicher, dass dort sein 25-jähriger Bruder Qabil begraben liegt. Fehler eines Gerichtsmediziners bei der Identifizierung und die langsam arbeitenden Behörden hindern Imad nach eigenen Angaben bislang, seinen Bruder mit in die Heimat zu nehmen, damit die Familie um ihn trauern kann.

"Mein Bruder starb mit 127 anderen am dritten Tag des Opferfestes", sagt Imad mit Blick auf das muslimische Fest, das das Ende der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka markiert und in diesem Jahr im September stattfand. "Ich sollte drei Tage in Libyen bleiben, maximal eine Woche", sagt der Tunesier, der vor mehr als einem Monat seinen Job als Taxifahrer zurückließ, von dem acht Familienmitglieder abhängig sind. "Alles, was ich will, ist, die Leiche meines Bruders mit nach Tunesien zu nehmen."

Verteilt unter Bäumen und zwischen Büschen liegen die mit den Daten der Tage versehenen Gräber, an denen die Leichen aus dem Mittelmeer geborgen oder an Land gespült wurden. Einige reichen zurück bis ins Jahr 2012. Wenn Papiere bei den Toten gefunden werden, werden auch Namen und Nationalitäten auf den Grabsteinen markiert. Der Rote Halbmond kennt keine genauen Zahlen, geht aber von mehreren hundert Männern, Frauen und Kindern aus, die auf diesem Friedhof begraben liegen, den die Bewohner der Region nur "den Friedhof der Unbekannten" nennen.

Totengräber Abderrasak Abdelkarim erinnert sich, dass sie zwei Tage für das Ausheben von Gräbern benötigten, als vor einem Monat ein Schiff mit 120 Menschen an Bord sank. Geschieht eine solche Katastrophe, geht der Rote Halbmond entsprechend einer festgelegten Prozedur vor: Zunächst nimmt ein Team die Alarmmeldungen an, ein weiteres überprüft die Angaben, ein drittes wird beauftragt, Leichen zu bergen. Die werden dann Gerichtsmedizinern übergeben, mit einer Nummer versehen und schließlich in Bir el-Osta Milad bestattet.

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29.12.2015, 08:30 Uhr
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