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Friedensvertrag für Kolumbien unter Dach und Fach
Der Handschlag: Farc-Verhandlungschef Ivan Marquez (l.) und Regierungsvertreter Humberto de la Calle, in der Mitte Kubas Außenminister Bruno Rodriguez. Foto: dpa
Marathonsitzungen auf Kuba ebnen den Weg für Guerilla-Entwaffnung und Volksabstimmung

Friedensvertrag für Kolumbien unter Dach und Fach

Seit mehr als 50 Jahre herrscht Bürgerkrieg in Kolumbien. Nun wurde endlich ein Friedensabkommen ausgehandelt. Doch noch ist es nicht in Kraft.

26.08.2016
  • SANDRA WEISS TOBIAS KÄUFER

Vergangene Woche ging es für die Unterhändler in Havanna hin und her. Bis zu 18 Stunden dauerten die Sitzungen in parallelen Kommissionen. Doch am Mittwoch war es soweit: Der Friedensvertrag zwischen Kolumbiens Regierung und den Rebellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) war unter Dach und Fach; die Chefunterhändler beider Seiten setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag.

Damit findet der längste Bürgerkrieg Lateinamerikas nach gut fünf Jahrzehnten formal ein Ende. Er hat mehr als 220 000 Todesopfer gefordert, sechs Millionen Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen.

Die Intensität der Gewalt hatte bereits seit Beginn der Friedensgespräche November 2012 deutlich abgenommen. 2015 fiel offiziellen Angaben zufolge die Zahl der Morde auf den tiefsten Stand der vergangenen 15 Jahre. Besonders die Konfrontation der Opfer des bewaffneten Konfliktes mit den Tätern am Verhandlungstisch in Kubas Hauptstadt Havanna führte zu einem Umdenken bei den Kriegsparteien und könnte zum Vorbild für künftige Konfliktlösungen werden. Niemand aus den prominent besetzten Verhandlungsdelegationen konnte sich hinter verschlossenen Türen den Schilderungen der Opfer entziehen:

„Es gab Tränen und Umarmungen“, berichtete Farc-Opfer Angela Giraldo Cadavid im Gespräch mit dieser Zeitung über die Momente, als Täter und Opfer aufeinandertrafen. Ihr Bruder Francisco Javier, ein Kommunalpolitiker aus Cali, wurde vor 14 Jahren entführt und hingerichtet. Dass Giraldo den geistigen Urhebern des Mordes an ihrem Bruder die Hand gab, sorgte im Land für eine heftige Debatte. „Vergeben heißt nicht vergessen“, sagt Giraldo. „Ich habe der Farc verziehen, aber ich erwarte, dass sie auch die Wahrheit über die Vorfälle sagt.“

Nun also ein Vertrag. Das 200 Seiten starke Dokument, das noch dem Kongress vorgelegt und allgemein publik gemacht werden muss, ist der Auftakt zur Entwaffnung der rund 7000 Farc-Kämpfer, die in den kommenden sechs Monaten unter Aufsicht der Uno stattfinden soll. In letzter Minute wurden noch strittige Fragen wie die politische Beteiligung der Farc geklärt. Demnach werden die Rebellen Vertreter ins Abgeordnetenhaus und den Senat entsenden, die dort Rede- aber kein Stimmrecht haben. Mit Ende der Legislaturperiode 2018 darf die Farc dann als Partei an Wahlen teilnehmen – ein Punkt, der im Land auf wenig Zustimmung stößt und von Friedensgegnern herausgestellt wird.

Regierungs-Chefunterhändler Humberto de la Calle sprach von einer einmaligen Gelegenheit. „Die Türen für einen neuen Weg haben sich geöffnet.“ Für die Farc sprach Iván Márquez von einem Sieg für Kolumbien und appellierte an die USA, die den Krieg unterstützt haben, nun auch mit ebenso viel Schwung den Frieden zu begleiten.

In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá feierten Hunderte auf den Straßen den Verhandlungserfolg. „Ich bin zu Tränen gerührt, dass mein Traum nun endlich wahr wird“, sagte Isabella Vernaza, die von der Guerilla entführt worden war. Von einer „guten Nachricht“ sprach Jineth Bedoya, Vertreterin von Opfergruppen. Zugleich warnte sie vor verfrühtem Jubel: „Die große Herausforderung, das Plebiszit über die Friedensverträge und deren Umsetzung, liegen noch vor uns.“

Denn Voraussetzung für die Umsetzung des Friedensprozesses ist, dass das kolumbianische Wahlvolk dem Verhandlungsergebnis zustimmt. Am 2. Oktober soll die Bevölkerung befragt werden. Deren Meinung ist bislang Umfragen zufolge skeptisch und geteilt. Damit das Abkommen angenommen wird, müssen laut einer Vorgabe des Verfassungsgerichts mindestens 4,5 der 34 Millionen Wahlberechtigten überwiegend mit „ja“ abstimmen. Auch die Farc planen eine interne Abstimmung.

Das Abkommen hat gewichtige Gegner. Vor allem der immer noch einflussreiche Präsident und konservative Hardliner Alvaro Uribe kündigte Widerstand an. Ihm gehen die Sonderregelungen für Guerilla-Kämpfer zu weit. Der Frontkämpfer sprach von einer „Kapitulation vor Terroristen“, denen das Abkommen Straffreiheit garantiere.

So ist der Friede in Kolumbien also längst noch nicht besiegelt – aber er ist in vieler Hinsicht wegweisend: Statt einer Generalamnestie gibt es Sondergerichte, die die Wiedergutmachung und alternative Strafen in den Vordergrund stellen. Schwere Menschenrechtsverbrechen sind davon ausgenommen.

Erstmals wurde in derartige Gespräche auch die Zivilgesellschaft einbezogen, darunter Opferverbände und Minderheiten wie Indigenas und Schwarze; auch der Gleichberechtigungs-Aspekt wurde berücksichtigt. Die internationale Gemeinschaft, darunter auch die EU, hat ihre Unterstützung bei der Umsetzung des Friedensvertrags zugesagt.

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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