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"Den Irrsinn nicht akzeptieren"

Friedenspreisträger Navid Kermani hält eine bewegende Rede in der Frankfurter Paulskirche

Es ist ein trostloses Bild, das Navid Kermani von der Lage in der arabischen Welt zeichnet. Mit einer fulminanten Rede rüttelte der Friedenspreisträger gestern in der Frankfurter Paulskirche seine Zuhörer auf.

19.10.2015
  • THOMAS MAIER, DPA

Frankfurt Nach dem letzten Satz von Navid Kermanis Rede regt sich in der Frankfurter Paulskirche zunächst keine Hand zum Applaus. Es herrscht einfach nur Stille. Die fast 1000 Gäste stehen auf Wunsch des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels auf und verharren an ihren Plätzen. Er bittet sie zum Gebet oder - falls sie nicht religiös sind - um gute Wünsche. Es geht ihm jetzt um das Schicksal von 200 vom "Islamischen Staat" entführten Christen in der syrischen Kleinstadt Karjatain, die Kermani gut kennt.

Mit seiner ungewöhnlichen Geste hat der Kölner Schriftsteller mit iranischen Wurzeln wieder einmal bewiesen, dass er wie kein anderer muslimischer Intellektueller in Deutschland Brücken zwischen Religionen und Kulturen bauen kann. Doch seine Danksagung für den renommierten Kulturpreis, mit dem der deutsche Buchhandel den Einsatz für Völkerverständigung und Menschlichkeit ehrt, ist keine Huldigung an die inneren Werte des Islams oder des Christentums, wie sie der tief religiöse 47-Jährige in seinen Werken oft auch beschrieben hat.

Es ist vielmehr eine aufrüttelnde Anklage der Zustände in der heutigen islamischen Welt - und ein sehr emotionaler Appell an den Westen, den Krieg in Syrien endlich zu beenden. Der multiethnische und multikulturelle Orient des Mittelalters mit einem toleranten Volksislam existiere nicht mehr, sagt Kermani. Er hat selbst die Region oft bereist. "Es gibt keine islamische Kultur mehr." Der Autor greift vor allem Saudi-Arabien an, das dank seiner Öl-Milliarden auch den religiösen Fundamentalismus weltweit exportiere.

Die Rede ist jedoch nicht zuletzt auch eine Abrechnung mit dem Westen, der durch den Aufbau von laizistischen Diktaturen in der arabischen Welt nach dem Ende der Kolonialisierung und durch die jüngsten desaströsen Kriege im Irak und Libyen für die Zerstörung der Region mitverantwortlich sei. Zugleich wurde Saudi-Arabien zum wichtigsten Verbündeten in der Region gemacht. Vier Jahre lange habe der Westen "vor der europäischen Haustür" bei den Massenmorden in Syrien und dem Irak einfach weggeschaut, beklagt der Schriftsteller.

Die barbarische Terrormiliz des IS mit ihren maximal 30 000 Kämpfern sei nicht unbesiegbar, sagt Kermani. Zugleich macht er auch das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad für Krieg und Terror verantwortlich. Zu mehr Engagement oder einer Intervention des Westens gibt es für Kermani keine Alternative. "Wir lernen nicht aus unseren Fehlern", sagt der Autor, der aus einer 1959 eingewanderten iranischen Arztfamilie stammt und in Siegen geboren ist. "Erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen."

Aber darf ausgerechnet ein Friedenspreisträger, der zudem noch als großer Poet und Versöhner gilt, zum Krieg aufrufen? Das fragt sich auch Kermani selbst in seiner Rede. Er gibt zur Antwort, dass neben möglichen militärischen Schritten vor allem entschlosseneres diplomatisches Handeln gefragt sei.

Der tragische Held in dieser fulminanten Ansprache ist Pater Jacques Mourad, der die katholische Gemeinde in Karjatain geleitet und sich immer auch als Teil der arabischen Kultur verstanden hat. Am 21. Mai dieses Jahres wird der Kermani bekannte Priester vom IS entführt. Es ist ausgerechnet der Tag, als Kermani erfährt, dass er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Doch der macht in seiner Rede dann doch zumindest ein wenig Hoffnung. Der Pater ist vor wenigen Tagen wieder freigekommen - offensichtlich mit Unterstützung von Muslimen, die ihm zur Flucht aus seiner Zelle verholfen haben. Er wurde verkleidet und mit Hilfe von Beduinen aus dem Gebiet des IS gebracht.

"Jeder einzelne von ihnen hat sein Leben für einen christlichen Priester riskiert", stellt Kermani mit Stolz fest. Doch die große Sorge bleibt. Das Leben der rund 200 Gemeindemitglieder von Pater Jacques, die weiterhin in der Gewalt der Terrormiliz sind, gilt als gefährdeter denn je.

Friedenspreisträger Navid Kermani hält eine bewegende Rede in der Frankfurter Paulskirche
Am Ende bat Navid Kermani das Publikum um ein Gebet und gute Wünsche, um entführter syrischer Christen zu gedenken. Die fast 1000 Zuhörer folgten der ungewöhnlichen Geste. Foto: dpa

Die Ansprache Auszüge nach dem Manuskript:
  • „Ich habe 1988 angefangen, Orientalistik zu studieren, meine Themen waren der Koran und die Poesie. (. . .) Nichts, absolut nichts findet sich innerhalb der religiösen Kultur des modernen Islams, das auch nur annähernd vergleichbar wäre, eine ähnliche Faszination ausübte, von ebensolcher Tiefe wäre wie die Schriften, auf die ich in meinem Studium stieß. Und da spreche ich noch gar nicht von der islamischen Architektur, der islamischen Kunst, der islamischen Musikwissenschaft – es gibt sie nicht mehr.
  • >Oft ist zu lesen, dass der Islam durch das Feuer der Aufklärung gehen oder die Moderne sich gegen die Tradition durchsetzen müsse. Aber das ist vielleicht etwas zu einfach gedacht, wenn die Vergangenheit des Islams so viel aufklärerischer war und das traditionelle Schrifttum bisweilen moderner anmutet als der theologische Gegenwartsdiskurs.
  • >Goethe und Proust, Lessing und Joyce haben schließlich nicht unter geistiger Umnachtung gelitten, dass sie fasziniert waren von der islamischen Kultur. Sie haben in den Büchern und Monumenten etwas gesehen, was wir, die wir oft genug brutal mit der Gegenwart des Islams konfrontiert sind, nicht mehr so leicht wahrnehmen. Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.
  • >Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit von Barbaren in die Luft gesprengt, gehen Kulturen und mit den Kulturen auch eine uralte ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt unter, die sich anders als in Europa noch bis ins 21. Jahrhundert einigermaßen bewahrt hatte – aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen.
  • >Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich. Denn dieser Krieg kann nicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werden. Er kann nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen. Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen. Wahrscheinlich werden wir Fehler machen, was immer wir jetzt noch tun. Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des ,Islamischen Staates’ und den des Assad-Regimes.“

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19.10.2015, 12:00 Uhr
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