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Wirtschaftsfaktor Sport

Freistoß Burundi

Thilo Kehrer lebt in verschiedenen Welten: In Afrika lernte er das Fußballspielen. Sein erster Verein war die TSG Tübingen. Mit Paris Saint-Germain wurde er französischer Meister. Als Verteidiger der deutschen Nationalmannschaft will er zur Europameisterschaft. Und er sammelt Spenden für die Armen im Land seiner Mutter.

17.04.2020

Von Johannes Schweikle|Fotos: Paris Saint-Germain (2)

Im Hochland von Burundi gab es wenig Spielzeug. Aber viel Platz. Wie alle Kinder hat er barfuß gekickt. Wenn kein Ball da war, haben sie einen gebastelt, aus Stoffresten und Plastiktüten. Zwei Steine auf den Boden gelegt, und fertig war das Tor. Als der Junge drei Jahre alt war, musste er weg von diesem Bolzplatz – die Familie zog nach Deutschland.

Wie war die Umstellung von Afrika nach Tübingen? „Meine Eltern haben es uns leicht gemacht“, sagt Thilo Kehrer und lacht, „sie haben meine Schwester und mich in den Waldkindergarten am Spitzberg geschickt.“

Dieser schmale junge Mann soll jetzt als Verteidiger bei Paris Saint-Germain spielen? In einer Mannschaft mit Neymar und Kylian Mbappé? Kehrer ist 23 Jahre alt, lächelt freundlich und schaut aus einem fein geschnittenen Gesicht ernsthaft in die Welt. Seine Mutter Jeanne Nahimana stammt aus Burundi. Sie arbeitete als Krankenschwester und lernte den schwäbischen Schreiner Armin Kehrer kennen, der als Entwicklungshelfer in dieses ostafrikanische Land gekommen war. Die beiden heirateten und bekamen drei Kinder. Thilos große Schwester Sarah arbeitet als Model, die kleine Schwester Naemi lernt gerade in Tübingen für das Abitur. Als Leichtathletin ging sie unlängst bei den süddeutschen Meisterschaften an den Start.

Wenn Thilo vom Waldkindergarten heimkam, war sein Bewegungsdrang noch nicht gestillt. „Den hat er nicht von mir“, sagt der Vater mit fröhlicher Selbstironie, „der gehört zu seinem afrikanischen Erbe.“ Er meldete Thilo bei der TSG Tübingen zum Fußballtraining an. Mit acht Jahren wechselte er zum SSV Reutlingen, mit zwölf kam er zum VfB Stuttgart. Auf Schalke kämpfte er sich in die erste Mannschaft. 2017 schoss er im Derby gegen Dortmund sein erstes Bundesligator – „wahrscheinlich bin ich damit Thomas Tuchel aufgefallen.“ Auf jeden Fall holte der ihn ein Jahr später nach Paris. Und der SSV Reutlingen profitierte von diesem Wechsel seines ehemaligen Jugendspielers: Er bekam knapp 100 000 Euro als sogenannte Ausbildungsentschädigung – das war etwa ein Drittel des Etats der ersten Mannschaft.

In Afrika sprach Thilo Französisch. „Aber in Tübingen hat er das schnell vergessen“, sagt seine Mutter, „wir haben Deutsch gesprochen, ich wollte diese Sprache lernen.“ Familie Kehrer kann man als gelungenen Modellfall interkulturellen Zusammenlebens bezeichnen. Der Vater sagt, Fufu sei das Lieblingsessen von allen, das ist ein Maniokbrei, scharf gewürzt mit Chili. Die Mutter hat aber auch gelernt, wie man schwäbischen Kartoffelsalat macht.Thilo sagt: „Ich profitiere davon, in zwei sehr verschiedenen Kulturen aufgewachsen zu sein. Die afrikanische Gelassenheit hilft mir in vielen Situationen.“ Wenn die Kehrers über Deutsche und Afrikaner reden, schwingen keine politischen Forderungen mit. Statt zu problematisieren, was zur Erfüllung der multikulturellen Utopie noch alles fehlt, ist Jeanne Nahimana dankbar für das Leben, das sie mit ihrer Familie in Europa führen kann.

Burundi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Auf dem Index der Welthungerhilfe belegt es den letzten Platz. Von den 11,5 Millionen Einwohnern leiden 42 Prozent an Hunger. In diesem von der Welt vergessenen ostafrikanischen Staat gibt es weder Presse- noch Meinungsfreiheit. Im Mai stehen Präsidentschaftswahlen an. Die Lage ist angespannt. Beobachter hoffen, dass nicht wieder ein Bürgerkrieg ausbricht.

„Afrika ist ein Teil von meinem Herzen“, sagt Thilo Kehrer, und er sagt diesen Satz so bescheiden, dass er nicht pathetisch klingt. Vergangenen Sommer wollte er seinen Beitrag zum Frieden im Land seiner Mutter leisten. Als prominenter Sportler, der in Europa Erfolge feiert, wollte er die Schirmherrschaft bei einem Friedensmarathon in Burundi übernehmen. Auch ein Fußballspiel im Nationalstadion war geplant. Aber dann wurde in Paris der Trainingsbeginn vorverlegt, und die kleine Delegation um seinen Vater flog ohne den berühmten Sohn nach Afrika. Auf dieser Reise hat der Fotograf Tom König Bilder gemacht, die jetzt in der Pariser Galerie Lumas zu kaufen sind (Bilder links oben). Sie zeigen arme Kinder voller Lebensfreude. Jungs, die barfuß Fußball spielen. Einer steigt hoch zum Kopfball. Sein dünner Körper schwebt artistisch in der Luft, die ausdrucksstarken Augen konzentrieren sich auf das Spielzeug aller Spielzeuge.

Thilo Kehrer sagt: „In Afrika kann man lernen, fröhlich zu sein. Wenn ich genervt bin, versuche ich, mir bewusst zu machen: Es gibt Menschen auf der Welt, die würden über meine Probleme lachen. Die afrikanischen Wurzeln helfen mir, das Leben mit all seinen positiven Dingen zu schätzen.“

Beim DFB hat Kehrer in allen Jugendnationalmannschaften gespielt. Mit der U21 wurde er Europameister. Bei den Busfahrten sorgte er als DJ für gute Stimmung. In Paris machen andere die Musik. „Wir haben Brasilianer im Team“, sagt er grinsend, „das überlasse ich denen.“ Auch seine Frisur ist jetzt weniger extrovertiert. Statt der wilden Wuschelmähne trägt er kurzes Haar mit dezentem Undercut, am Kinn die Andeutung eines Bärtchens. Seine Cargohosen und Sneakers sind schwarz, weit weg vom fetten Ghettostyle. Am auffälligsten ist das Tattoo, das man beim Trikottausch an seiner Schulter sieht, es zeigt den gekreuzigten Christus. „Ich bin sehr gläubig und bete vor jedem Spiel, das ist mein Ritual. Ich bitte darum, dass alle gesund bleiben. Und dass alle im Stadion ein schönes Fest genießen können.“

Vergangene Saison machte er im Achtelfinale der Champions League einen groben Fehler. Sein Rückpass in der zweiten Minute führte zum 1:0 für Manchester United. Paris verlor ein Spiel, das es eigentlich nicht verlieren durfte, und schied aus. Heute sagt Kehrer: „Diese Erfahrung hat mich stärker gemacht. Ich habe gelernt, dass Scheitern zum Erfolg gehört. Ich bin noch jung und muss weiter an mir arbeiten, um der beste Spieler zu werden, der ich sein kann.“

Im Herbst hat er sich an der Fußsohle verletzt. Vor Weihnachten schaffte er es wieder in die Startelf. Rechtzeitig vor den K.o.-Spielen in der Champions League hat er seinen Rhythmus gefunden. Bei der deutschen Nationalmannschaft hofft er, in den Kader für die Europameisterschaft zu kommen. Bislang hat er sieben Länderspiele bestritten.

Früher traf sich Kehrer gern mit seinen Kumpels in Tübingen beim Neckarmüller. Jetzt schafft er es nur noch selten zu seiner Familie nach Pfäffingen. Die Arbeitszeiten eines Fußballspielers sind zwar kürzer als in den meisten anderen Berufen. Doch es gibt halt keine freien Wochenenden. Seine Mutter betrachtet das mit gemischten Gefühlen. Sie ist stolz, dass ihr Sohn es in seinem Sport so weit gebracht hat. Aber sie sieht halt auch den Preis. Tapfer sagt sie: „Wenn er für eine Nacht heimkommt, ist das schon die Welt für uns.“

Thilo in seinem liebsten Element – in Siegerpose auf dem Platz. Hier zu sehen beim 4:3 Sieg gegen Girondins Bordeaux im Februar 2020. In der Begegnung lief Paris mit besonderen Trikots auf. Anstelle des Hauptsponsors prangte aus aktuellem Anlass der Schriftzug „Stay strong, China“ auf der Brust der Hauptstädter.

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Erstellt:
17. April 2020, 07:20 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2020, 07:20 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2020, 07:20 Uhr

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