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50 Gäste kamen zur ziemlich verregneten Vernissage in Wendelsheim

Freiluftkunst auf Bauerwartungsland

Das Bauerwartungsland „Gassäcker“ in der Wendelsheimer Vorderen Gasse 14 und 16 wurde für eine kurze Übergangszeit zum Kunstterrain einer zehnköpfigen Künstlergruppe. Die Kreativität konnte sich unter freiem Himmel entfalten. Am Samstagabend war Vernissage auf offenem Feld.

22.08.2016
  • Werner Bauknecht

Wendelsheim.Sabine Fessler ist Künstlerin, ihrer Familie gehört das Bauerwartungsland Vordere Gasse 14 und 16 in Wendelsheim. Gebaut wird noch nicht, das Land liegt brach. Kurzerhand bot Fessler Künstlerkollegen und -kolleginnen der Kunstakademie Stuttgart an, in dieser Übergangsphase ein eigenes Projekt auf parzelliertem Grund zu erstellen. Schließlich richteten zehn Künstler auf acht jeweils 50 Quadratmeter großen Parzellen ihr „Offenes Atelier“ ein. „Sie konnten dort arbeiten, wohnen und schlafen“, berichtet Fessler, „die sanitären Anlagen durften sie bei uns zu Hause nutzen.“

Künstler-Briefe und Löcher in der Erde

Am Samstag präsentierten sie das Resultat der vergangenen Wochen. Fast alle Künstler waren selbst anwesend, während Fessler die etwa 50 Besucher über die grüne Wiese führte. Dabei waren die einzelnen Kunstwerke nicht gleich als solche zu erkennen. Die Künstler lieferten die Erklärungen dazu.

Bernhard Böhringer hatte eine Vertraute geschickt, die sein Konzept erläuterte, denn er selbst befindet sich auf einer Radtour durch die Ukraine und Moldawien. Am Eingang der „Kunstwiese“ hatte er einen hölzernen, selbstgebastelten Briefkasten aufgestellt. Darauf stand die Hausnummer 14 und als Adresse „Häuslichkeit“. Dahin schickte er sich selbst Briefe, die der Postbote auch tatsächlich einwarf. Am Samstag wurde der Kasten erstmals geöffnet. Das knappe Dutzend Briefe wurde herausgenommen, geöffnet und ausgelegt, so dass jeder darin lesen konnte.

Auf Parzelle drei befindet sich Fesslers eigenes Projekt, eine etwa eineinhalb Meter tiefe, schräge Baugrube, darüber ein Zelt. Beteiligt daran war auch ihre Freundin Shinroku Shimokawa. „Ich wollte zeigen, wie aus Erde Bauland wird“, erklärte Fessler. Wie eine Archäologin, die nach Funden gräbt, habe sie nach dem Bauland gegraben.

Gaku Nakanos Werk heißt „Richtfest“ und ist ein Haufen Erde, die er auf einer Art Holzaltar auf einer Größe von zwei auf drei Metern angehäuft hat. Der Altar steht auf vier Holzbeinen. Wie häufig in der modernen Kunst, ist es auch hier die Legende, die das Kunstwerk erst ausmacht. Nakano erzählt, dass es in Japan so etwas ähnliches wie ein Richtfest gibt, bei dem versucht wird, zusammen mit einem Schamanen eine Verbindung zwischen den Göttern und der Erde herzustellen. Dazu wird die Konstruktion dann von starken Männern in einer Zeremonie herumgetragen.

Zum aktiven Mitmachen lädt Shinroku Shimokawas Werk ein. Er hat ein 1,50 Meter tiefes, rundes Loch senkrecht in die Erde gegraben. Auf dem Grund liegt ein Spiegel. Ein weiteres Loch im Abstand von zwei Metern führt schräg aufs erste zu. Die Löcher sind durch darüber gelegte Steine geschützt. Schaut man auf den Grund dieser Konstruktion, sieht man im Spiegel das Gesicht eines anderen, der oder die ins zweite Loch schaut. „Unter dem Stein kann man in den Himmel schauen“, heißt das Werk. „Immer um dreizehn Uhr prallt die Sonne senkrecht auf den Spiegel“, so Shimokawa, „und dann hat man das Gefühl, man könne vom Grund der Erde direkt in den Himmel sehen.“

Jochen Wagners Objekt ist ohne Erklärung kaum zu erkennen: Er stach ein Stück Erde aus einer Wiese seines Heimatortes, auf der er als Kind spielte, kickte, Picknick machte. Dieses Stück Heimatwiese setzte er ins Wendelsheimer Bauerwartungsland ein. „Damit“, so Wagner, „verschmilzt meine Heimat mit dem Ort hier.“

Tanz-Performance mit Lehmofen-Häppchen

Die Künstlerinnen Einan Kaku und Marion Jäger tanzten nach der Cunningham-Technik gemeinsam im Gras und nahmen sich dabei auf. Den Film dieser Performance spielten sie auf einem Tablet ab, das auf einer Säule auslag. Die Cunningham-Technik, benannt nach dem Tänzer Merce Cunningham. Dabei geht es nur um Bewegung, Tanzen um des Tanzens willen.

Franziska Zegowitz hatte am Samstag einen Lehmofen befeuert und fütterte ihn mit immer neuen Köstlichkeiten aus Teig. Das Ergebnis verteilte sie an die Gäste.

Jakob Bareiß schließlich hat ein großflächiges Bild in einer Ecke des Grundstücks aufgehängt, mit dem futuristischen Foto eines Toilettenensembles. Damit will er „eine mögliche Architektur zeigen, so, wie es mal sein kann, wenn auf dem Grundstück gebaut wurde“.

Am Samstagabend vertrieb der immer stärker werdende Regen viele Vernissagengäste. Sabine Fessler bot an, bis zum 18. September sonntags gegen 14 Uhr immer eine Führung zu machen..

Info Das „Bauerwartungsland“ kann bis 20. September täglich auf eigene Faust erkundet werden. 

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22.08.2016, 01:00 Uhr
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