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Freiheit auf zwei Rädern
Stationen der Radfahr-Abenteurer (von oben): San Francisco, in den Anden, mit einer Schulklasse in Georgien, beim Rad flicken am Neujahrsmorgen 2012 in Argentinien. Foto: Fotos: privat
Verena und Helmut Wider aus Villingen erkunden seit Jahren auf ihren Drahteseln die Welt

Freiheit auf zwei Rädern

Mal eben in einer Woche mit dem Fahrrad von Villingen aus an die Nord- oder Ostsee fahren, ist für Verena und Helmut Wider ein Klacks. Das strampeln sie auf einer Po-Backe runter. Sie sind ganz andere Strecken gewohnt. Seit 1999 hat der jetzt 77-jährige Helmut Wider 175 000 Kilometer im Sattel zurückgelegt. Seine Frau Verena (65) ist seit 2009 auf über 90 000 Kilometern dabei.

24.08.2016
  • PETRA WALHEIM

Villingen-Schwenningen. Sie sind selten auf „ausgelatschten“ Wegen unterwegs, suchen sich lieber das Besondere, Ausgefallene. Zum Beispiel waren sie mit ihren Rädern in Georgien und Armenien. Sie sind quer durch Kanada und über die Anden geradelt. Waren in Argentinien, Chile, Uruguay und in Neuseeland. Immer nur zu zweit und meist allein auf weiter Flur. Bedrohliche Situationen hätten sie bisher nicht erlebt, sagen sie. Im Gegenteil. Meist haben sie freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, haben angenehme Bekanntschaften gemacht, Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen, die bis heute halten.

Zum Beispiel mit Johanna, einer auf der Walz befindlichen Tischlerin aus dem Raum Kassel. Getroffen haben die Widers die junge Frau in Stewarts Point, einem Radler-Treffpunkt in Kalifornien. „Das ist ein Laden mit Toiletten mitten in der Pampa“, sagt Helmut Wider. Als sie dort im Sommer 2010 auf ihrer Westcoast-Tour von Vancouver nach Mexiko Halt gemacht haben, stießen sie auf Johanna. Sie kamen ins Gespräch und hielten per E-Mail den Kontakt. Nach vier Jahren ist Johanna in die Heimat zurückgekehrt. „Zur Feier ihrer Rückkehr waren wir eingeladen“, sagt Helmut Wider. Nach wie vor seien sie per Mail in Verbindung.

Verena und Helmut Wider haben sich dienstlich kennengelernt. Sie war Journalistin, er Kripochef in der damaligen Polizeidirektion Villingen-Schwenningen. Er ist seit seiner Jugend begeisterter Radfahrer und hat auch schon an Radrennen teilgenommen. Verena war bis dahin mit einem Holland-Rad unterwegs, besorgte sich jedoch bald ein „richtiges Rad“.

Eine der ersten größeren Touren unternahm das Paar 1987 in Irland. 1990 machten die Widers das, was man tun muss, wenn man so nah an der Donauquelle wohnt und Rad fährt: Sie fuhren von Donaueschingen aus am Fluss entlang bis zu dessen Mündung ins Schwarze Meer. „Damals war im Osten noch alles sozialistisch“, erinnert sich Helmut Wider. „Deshalb war das unsere erste Abenteuer-Tour.“ Alles ging gut, bis auf ein Problem, das sie lösen mussten. Um nicht alles Material auf einmal transportieren zu müssen, schicken die Widers auf ihren Touren immer wieder Pakete mit Reifen, Ersatzteilen, Wörterbüchern und Verpflegung an eine Poststelle auf ihrem Weg. So machten sie das auch vor ihrer Donau-Tour. Doch als sie an der Poststation ankamen, war das Paket nicht da. Warten wollten sie nicht. Sie fuhren weiter, riefen immer wieder bei der Post an und fragten nach dem Paket. „Ich kann das Sprüchlein, das ich damals auf Bulgarisch gelernt habe, heute noch“, sagt Verena: „,Ich warte auf ein postlagerndes Paket aus Deutschland. Ist es schon da?'“ Als die Antwort endlich ein „Ja“ war, setzten sich beide in ein Taxi und ließen sich 800 Kilometer zurückfahren, um das Paket abzuholen. Der Taxifahrer war ein Englisch-Lehrer. Für damals noch 100 Mark fuhr er die zwei aus Deutschland 22 Stunden zur Post und wieder zurück.

Auch in Bulgarien hat eine Zufallsbekanntschaft zu einer Freundschaft geführt. Auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer hatten die Abenteurer eines Abends noch keine Unterkunft und waren vom Regen nass. Da sprach sie eine junge Frau auf Englisch an, ob sie ein Problem hätten. Die Frau nahm sie mit zu sich nach Hause, bot ihnen Unterkunft und Essen an. „Als es am nächsten Tag noch immer regnete, ließ sie uns nicht gehen“, sagt Verena. So hatten sie Zeit, sich kennenzulernen. Daraus ist eine bleibende Freundschaft geworden. „Wir haben ihr geholfen, dass sie studieren kann“, sagt Helmut.

Bis 2009 radelte das Paar mit Rennrad und Rucksack kreuz und quer durch Europa, ließ in vier bis sechs Wochen 3000 bis 4000 Kilometer hinter sich. Um möglichst unabhängig zu sein, übernachten sie inzwischen oft auf Campingplätzen im Zelt. Die Ausrüstung transportieren sie in einem Fahrrad-Anhänger. Daran weht immer die Deutschlandfahne. „Deshalb werden wir so oft angesprochen.“

Von 2009 an suchten die Widers das Abenteuer in Amerika. Für ihre erste Tour flogen sie nach Halifax an der Ostküste Kanadas. Fünf Monate und 8600 Kilometer später kamen sie in Vancouver an der Westküste an. „Das größte Problem war, dass wir ständig gegen den Wind fahren mussten“, sagt Verena. Als sie Mitte September durch die Rocky Mountains fuhren, waren sie fit. Das war gut so, denn sie mussten sich beeilen. „Nach uns haben die Campingplätze geschlossen.“

Als Helmut von Vancouver aus seinen Neffen Mark in San Francisco anrief, schlug der vor, sie sollten sich einmal links halten und dann immer geradeaus fahren, so kämen sie bei ihm vorbei. „Damit war die nächste Tour für 2010 schon klar.“ Ein Jahr später machten sich die zwei auf zu ihrer großen Südamerika-Tour. Sie flogen in November 2011 nach Argentinien und strampelten den Anden entgegen. „Über die fast 5000 Meter hohen Anden-Pässe zu fahren, war unsere größte Herausforderung“, sagt Helmut. Zwei Tage lang schufteten sie sich Steigungen von zehn bis zwölf Prozent hinauf. Dann waren sie auf über 4800 Meter Höhe, die Luft war dünn. „Uns ging der Wasservorrat aus.“ Sie waren darauf angewiesen, von Lkw-Fahrern, denen sie begegneten, Wasser zu bekommen. „Das war trotzdem ein Wahnsinns-Erlebnis“, sagt Verena. Noch nie habe sie so einen Sternenhimmel gesehen.

Es würde den Rahmen sprengen, alle Reisen von Verena und Helmut Wider zu erwähnen. Auf die Frage, warum sie auf Rädern unterwegs sind, sagt Verena: „So haben wir auf unseren Touren eine große Freiheit.“ Einen Jugendtraum hat sich Helmut Wider nicht erfüllt: Mit dem Rad von Alaska im Nordwesten Amerikas nach Feuerland im Süden zu fahren. „Das wird ein Traum bleiben“, sagt er ohne Gram. Er habe ihn mit seiner Frau gegen viele andere traumhafte Rad-Touren eingetauscht.

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24.08.2016, 06:00 Uhr
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