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Freiheit atmen

„Der Prinz von Homburg“ an der Stuttgarter Staatsoper

Unter der Leitung von Cornelius Meister und in der Regie von Stephan Kimmig beeindruckt in Stuttgart Hans Werner Henzes „Der Prinz von Homburg“.

19.03.2019

Von Jürgen Kanold

Träumerei und Endspiel: Stefan Margita als Kurfürst und im Hintergrund Robin Adams als Prinz von Homburg. Foto: Wolf Silveri

Am Ende trägt der Kurfürst von Brandenburg einen Pullover mit dem Aufdruck „Freiheit“, und die anderen Preußen auf der Bühnen halten Fan-Schals, auf denen „Phantasie“, „Toleranz“ und andere gute Worte stehen, ins Publikum. Nur das Orchester jauchzt nicht, sondern schreibt einem mit brutaler Härte die Dissonanzen ins Bewusstsein. „In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“? Das ist die alte militärische Parole, trotzdem atmen sie jetzt „die Luft der Freiheit“. Nur dass man, bei aller Utopie, nie so genau weiß: Ist es Traum oder Wirklichkeit? Aber das geht einem in der Oper oft so.

Und das war schon bei Heinrich von Kleist eine gewichtige Frage gewesen, dessen Schauspiel „Der Prinz von Homburg“ Hans Werner Henze Ende der 50er Jahre auf ein Libretto Ingeborg Bachmanns vertonte. Ein starker Stoff, der provokant in die Zeit der Wiederbewaffnung passte. Der romantisch verliebte, träumende, ja nachtwandelnde Prinz handelt gegen den Befehl, führt seine Reiter in die Schlacht – und gewinnt. Doch er muss sein Leben verlieren, denn auf Befehlsverweigerung steht die Todesstrafe.

Und so geht es um Kriegszucht, Gehorsam und Ehrgefühl, aber auch um menschliche Güte, Würde, Freiheit – und um einen Helden ganz neuer Art in einem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Prinz mag auch ein Schwärmer sein, aber jetzt hat er in einem anderen Staatswesen eine Chance. Zumindest droht er dort, dieser Empfindsame, nicht mehr unterzugehen.

Henze, 1926 geboren, war der Sohn eines fanatischen Nationalsozialisten, er wurde 1944 noch zur Wehrmacht eingezogen – sein Trauma. Mitte der 50er Jahre zog er, der alles Uniformierte hasste und auch als Homosexueller der „gesellschaftlichen Norm“ in Deutschland nicht genügte, nach Italien. Das Helle, die Sonne des Südens – ein Traum, man hört das wunderbar farbenreich in den ersten Szenen der Oper. Die Wirklichkeit blendete er deshalb nicht aus, aber „Der Prinz von Homburg“ ist gewiss der „Gegenentwurf zur verknöcherten Realität auch ihrer Heimat“, sagt der Regisseur Stephan Kimmig über das Operntraumpaar Henze/Bachmann.

Kaum zu glauben, dass das jetzt erst die Stuttgarter Erstaufführung gewesen sein soll, fast 60 Jahre nach der Hamburger Premiere. Eine kraftvolle, angreifende Oper: so gedankenreich, bedenkenswert wie musikalisch sinnlich und gleichermaßen gewaltig. Aber man kann hören, warum „Der Prinz von Homburg“ kein Repertoire-Stück ist: Die technischen Anforderungen sind hoch, die Oper bedarf eines brillanten Ensembles.

Viel Beifall

Das heißt, man konnte die hohen Ansprüche Henzes, dieses kompromisslosen Belcantisten der Avantgarde, an der Staatsoper Stuttgart kaum bemerken, denn es gelang Generalmusikdirektor Cornelius Meister mit dem Staatsorchester eine vorzügliche Aufführung: so farbenreich, kontrapunktisch modern wie mit großer Härte durchgezogen. Dazu ein tolles, wuchtiges Ensemble: darunter Robin Adams als bärenstark verstörter Prinz von Homburg, Stefan Margita als faszinierend kindlich herrischer Kurfürst, Vera-Lotte Böcker als Natalie mit furiosem Sopran und der junge Moritz Kallenberg mit Klasse-Tenor als Gaf Hohenzollern.

Das alles spielt sich ab in einem weiß gekachelten Schlachthaus, Regisseur Kimmig setzt mit Katja Haß (Bühne) und Anja Rabes (Kostüme) auf eine ungefähre Gegenwartsästhetik. Es wird sportlich trainiert in einem unmilitärischen Preußen – auch der vom Prinzen der Prinzessin im Traum abgestreifte Handschuh ist ein Boxhandschuh. Es sind Zeichen, Metaphern, es ist ein Spiel mit Träumen, Wirklichkeiten, Täuschungen: distanziertes Freiheits-Pathos, aber die Figuren stehen emotional unter Strom.

Die Premieren der Saison 2019/2020

Intendant Viktor Schoner stellte am Sonntag die sechs Premieren der Saison 2019/2020 vor.

1 Cornelius Meister dirigiert am 27. Oktober „Don Carlos“ von Giu seppe Verdi in der fünfaktigen Fassung von 1886 in französischer Sprache; Lotte de Beer führt Regie.

2 Als „Bekenntnis zum Sängerensemble des Hauses“ kommt Mozarts „Le nozze di Figaro“ unter der Leitung von Roland Kluttig heraus; eine Neuinszenierung von Christiane Pohle.

3 „Boris“ ist ein von Titus Engel dirigierter Abend überschrieben, der „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky mit einem Auftragswerk von Sergej Newski verbindet: „Secondhand-Zeit“ nach dem „Roman in Stimmen“ der russischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch; Paul-Georg Dittrich führt Regie.

4 Installationskünstler Aernout Mik bringt „Schuberts Winterreise“ von Hans Zender mit dem Tenor Matthias Klink auf die Bühne; Stefan Schreiber dirigiert.

5 Antonio Vivaldis Oratorium „Juditha triumphans“ hat unter Leitung des Barock spezialisten Stefano Montanari Premiere; Regie führt Silvia Costa aus dem Team von Romeo Castellucci.

6 Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert zum Saisonfinale einen Doppel abend mit Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Salvatore Sciarrinos Kammeroper „Luci mie traditrici“, den Barbara Frey inszeniert.

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Erstellt:
19. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 06:00 Uhr

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