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Freie Fahrt für Helfer
Da ist Platz machen Pflicht: ein Arzt auf dem Weg zu einem Notfall. Foto: Patrick Seeger(/dpa
Verkehr

Freie Fahrt für Helfer

Im Notfall zählt jede Sekunde. Das Land startet eine Kampagne, um Autofahrer an die Pflicht zu erinnern, Rettungsgassen zu bilden.

16.02.2018
  • HANS GEORG FRANK

Stuttgart. Für die Rettungskräfte ging wertvolle Zeit verloren, als sie zu einem schweren Unfall auf der Autobahn bei Walldorf eilen wollten. „Sie mussten sich Stück für Stück vorkämpfen“, ließ sich Innenminister Thomas Strobl (CDU) berichten. Zwei Personenwagen waren von einem Lastwagen unter einen Sattelschlepper gedrückt worden, vier Menschen starben, ein Mädchen wurde schwer verletzt. Für die Opfer sei es „überlebenswichtig, dass die Rettungskräfte schnell am Ort des Geschehens sind“. Doch die Rettungsgasse sei, wie in Walldorf, „oft durch rücksichtslose Verkehrsteilnehmer versperrt“.

Banner über Brücken

Diese Unsitte möchte die Landesregierung jetzt mit einer breit angelegten Informationskampagne abstellen. „Wir wollen unsere Straßen jeden Tag ein bisschen sicherer machen“, hat sich der Innenminister vorgenommen. Wer auf den Straßen unterwegs ist, soll für die Bedeutung der Rettungsgasse sensibilisiert werden. Mit Bannern über Brücken an 60 stauträchtigen Abschnitten von Autobahnen und Bundesstraßen wird nun daran erinnert, dass die Einsatzkräfte ungehindert vorwärtskommen müssen. Plakate, Flugblätter – auch in Englisch und Französisch – sowie ein Videospot in sozialen Medien sollen die Appelle verstärken.

„Eine Rettungsgasse zu bilden, ist ganz einfach, es gehört zum Einmaleins für Verkehrsteilnehmer“, betonte Minister Strobl. Auf Autobahnen oder zweispurigen Außerortsstraßen müssten alle Autofahrer auf der linken Spur nach links, die anderen nach rechts. Diese Vorschrift gilt nicht erst, wenn sich kein Rad mehr dreht, „sondern bereits ab Schrittgeschwindigkeit im Stau“, erinnerte Strobl.

Er will es nicht bei der Aufklärung belassen, sondern setzt auf verstärkte Sanktionen. Die Polizei werde die Bildung der Rettungsgassen „gezielt überwachen und Verstöße konsequent ahnden“. Das Präsidium in Freiburg bekommt dafür zur Beweissicherung in einem Pilotprojekt spezielle Kameras für ihre Fahrzeuge, sogenannte Dashcams. Dass die Polizei nun die Blockade von Einsatzkräften im Fokus hat, ist auf eine Verschärfung der Vorschriften zurückzuführen (siehe Infobox). Bis Herbst 2017 wurde die Behinderung mit 20 Euro bestraft, was wegen des großen Aufwands von den Ordnungshütern kaum gemacht wurde. Mit den spürbareren Konsequenzen sei das Ermessen viel geringer, erklärte Polizeidirektor Renato Gigliotti: „Jetzt nutzen wir alle Möglichkeiten, das gefährdende Verhalten zu ahnden.“

Die Rettungsgasse sei bei vielen Autofahrern „nicht im Bewusstsein verankert“, glaubt Ralf Nikolai vom Fahrlehrerverband Baden-Württemberg. Dabei werde dieser Aspekt in der Theorie „ausreichend gelehrt“, auch im praktischen Unterricht sei der Platz für Feuerwehr und Notarztwagen „schon immer ein Thema“. Versäumnisse müssten sich die Fahrlehrer nicht vorwerfen lassen. Nicolai schließt nicht aus, dass es sich um ein Generationenproblem handeln könnte: „Es sind wohl nicht die Fahranfänger, die es nicht wissen, sondern eher diejenigen, die ihren Führerschein schon länger haben.“

Zwar stellte der Verkehrspolizist Markus Stoll aus Ludwigsburg eine gewisse Besserung fest, „aber mit der Rettungsgasse funktioniert es immer noch nicht so, wie wir es gerne hätten“. Seiner Ansicht nach sind Störenfriede am Steuer „gedanklich irgendwo anders“.

Renato Gigliotti vermutet, dass etliche Autofahrer überfordert seien, weil sie nicht wüssten, wie sie sich verhalten müssten. Dabei müssten sie nur beherzigen, was im Paragrafen 11 Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung steht: Gasse bilden, sobald der Verkehrsfluss ins Stocken gerät. Dieser Aspekt, bestätigte Dieter Speiser, Präventionsspezialist im Landeskriminalamt, stand bisher nicht auf dem Aufklärungsplan der Polizei: „Möglicherweise hätten wir früher reagieren sollen.“

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16.02.2018, 06:00 Uhr
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