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Leistungsabzeichen

Feuerwehr Tübingen: Frauen am Brandherd

Löschwettbewerb Neun Frauen der Freiwilligen Feuerwehr wollen am Samstag das Bronzene Leistungsabzeichen holen. Eine Premiere bei der Tübinger Abteilung.

12.07.2019

Von Peter Strigl

Wassertrupp und Schlauchtrupp haben die Flammen unter Kontrolle gebracht und der Schlauchtruppführer kann über eine Leiter zu der vom Feuer eingeschlossenen Person vordringen. Bild: Ulrich Metz

Frauen an den Brandherd!
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Neun Feuerwehrfrauen wollen das Bronzene Leistungsabzeichen erringen. Dafür müssen sie eine Person aus einem brennenden Haus befreien. Die reine Frauengruppe ist eine Premiere in Tübingen. Video: Peter Strigl

03:38 min

Wasser marsch!“, kommandiert der Angriffstrupp, nachdem alle Schläuche verlegt und an den Verteiler angeschlossen sind. Daraufhin dreht Maschinistin Melanie Kirchner das Rad am hinteren Ende des Einsatzfahrzeugs auf und mit ohrenbetäubendem Rattern wird das Wasser aus dem Hydranten in den Löschwasserbehälter gepumpt.

Statt in die Spritzen des Wasser- und Schlauchtrupps, schießt die Fontäne kurz darauf allerdings zur Seite des Mercedes-Benz Atego Feuerwehraufbaus hinaus. „Ich hab den falschen Abgang gewählt“, erklärt Kirchner ihren Fehler. Schnell bemerkt die Maschinistin ihren Irrtum, dreht das Rad wieder zu und schließt den Schlauch an anderer Stelle wieder an.

Zum Glück ist der Einsatz am Montagabend nur eine Übung: „Wir machen das, um die Handgriffe zu automatisieren“, erklärt Feuerwehrkommandant Michael Oser. Die neunköpfige Einsatzgruppe der Tübinger Freiwilligen Feuerwehr trainiert auf dem Gelände der Lustnauer Kläranlage für das Bronzene Leistungsabzeichen. Dafür muss die Gruppe um Antje Landgraf eine Person aus einem „brennenden Haus“ (ein Gerüst ohne echt Flammen) befreien. Kommenden Samstag wird am Kirchentellinsfurter Feuerwehrhaus um 9.45 Uhr die Prüfung abgenommen. Bis dahin muss jeder Handgriff sitzen.

Das Besondere: Erstmals in der Geschichte der Tübinger Feuerwehr sind alle Prüflinge weiblich. „Die Idee entstand, weil wir dieses Jahr die erste weibliche Maschinistin haben“, berichtet Jaqueline Keul. Maschinistin Kirchner ist schon seit 11 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr, seit Mai darf sie als erste Frau das Einsatzfahrzeug fahren und bedienen. „Die Verantwortung und die neuen Aufgaben haben mich gereizt“, sagt die 29-jährige Erzieherin.

Außerdem gibt es mit Antje Landgraf schon seit längerem eine Gruppenführerin bei der Feuerwehr. Unter 93 Männern ist sie damit bisher die absolute Ausnahme. „Wir dachten, dass man das jetzt mal feiern muss“, sagt Keul. „Wir sind auch genügend Frauen, allein in der Abteilung Stadtmitte sind es 10 Prozent.“

Keul selbst ist seit acht Jahren bei der Feuerwehr. Als Truppfrau muss sie alle anderen Positionen beherrschen: Angriffs-, Wasser- und Schlauchtrupp und Melder. „Alle müssen alles können“, sagt Keul. In der Prüfung wird gelost. Am schwierigsten sei dabei die Rolle des Schlauchtrupps, meint Keul: „Die müssen die Leiter stellen, die Person runterholen, davor noch dem Angriffstrupp die Leitungen bringen. Das muss man schon gut trainieren.“

Merle Kammer stimmt zu: „Das ist immer, wo viel schiefgehen kann.“ In der Prüfung werden nämlich auch Fehlerpunkte gezählt, die am Ende 30 nicht überschreiten dürfen. Unterhaltungen abseits der nötigen Kommandos geben drei Punkte, Nichtbeachtung eines Befehls sogar zehn. Überwacht wird das Ganze von fünf Schiedsrichtern.

„Es gibt nur noch Kleinigkeiten zu bemängeln“, sagt Landgraf. Etwa, dass manchmal jemand in den Laufschritt verfällt. „Bei der Feuerwehr darf man nicht Rennen. Da ist die Unfallgefahr zu groß.“

Im Prinzip reichen die vorgegebenen sieben Minuten aber bereits gut: „Wir haben eigentlich immer eine Minute übrig“, sagt Landgraf. Auch als Kirchner des Schlauch falsch anschließt, reicht die Zeit. Bei einem weiteren Versuch klappt alles. „Ihr seid noch schneller geworden“, lobt Landgraf in der anschließenden Besprechung.

„Das soll auch andere Mädchen animieren“, sagt Oser über die Frauengruppe. Denn trotz der gestiegenen Mitgliederzahlen gebe es immer noch ein „Frauendefizit“ bei der Feuerwehr (siehe Infokasten). „Unser Problem ist auch, dass die jungen Mädels hier studieren“, sagt Oser. Bei den Männern sei das anders: „Die stammen oftmals aus Tübingen.“

Tatsächlich sind einige der Truppfrauen Studentinnen. Keul etwa studiert Medizin, Kammer Informatik. „Ich bin durch meinen Mitbewohner dazugekommen“, berichtet die 22-jährige Kammer. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele, wie die gebürtige Tübingerin Julia Gugel: „Ich bin in einer Feuerwehrfamilie groß geworden“, sagt die 25-jährige Personalsachbearbeiterin. Bereits mit zehn Jahren kam sie in die Jugendfeuerwehr. „Dort gibt es auch viele Mädels.“

Frauen in der Feuerwehr: In Tübingen und im Land

Landesweit gibt es laut Innenministerium 6489 Feuerwehrfrauen, 26 davon in Tübingen. Das entspricht 7,2 Prozent aller Mitglieder. Damit hat die Unistadt im landesweiten Durchschnitt eine etwas bessere Frauenquote (Baden-Württemberg: 5,8 Prozent).

„Wir haben immer noch ein Frauendefizit“, räumt Michael Oser dennoch ein. Das gilt allerdings vor allem für die Älteren. Dass sich allmählich ein Wandel vollzieht, zeigen die Zahlen bei den Jugendfeuerwehren: Hier sind bereits 18,9 Prozent weiblichen Geschlechts.

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Erstellt:
12. Juli 2019, 10:30 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2019, 10:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 10:30 Uhr

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