Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kohlendioxid-Ausstoß

„Fossiles Auto grün angemalt“

Dänemarks Umweltminister kritisiert den auf EU-Ebene gefundenen Kompromiss für Neuwagen – und nicht nur er.

11.10.2018

Von THOMAS VEITINGER

Kommt es nun zum Boom bei Elektro-Autos? Unser Bild zeigt BMW-Arbeiter bei der Produktion des BMW i8. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Ulm. Wenn alle Beteiligten unzufrieden sind, heißt es, ist ein Kompromiss gut. Von daher scheint der Kompromiss gelungen, den die EU-Umweltminister in der Nacht zu Mittwoch erreicht haben. Denn so richtig anfreunden kann sich kaum jemand mit dem 35 Prozent geringeren CO2-Ausstoß für Neuwagen von 2030 an. Länder wie Irland, Schweden, Luxemburg und die Niederlande hatten höheren Ehrgeiz bei Klimaschutz verlangt und äußerten sich entsprechend enttäuscht. Dänemarks Umweltminister Esben Lunde Larsen fand den Vergleich, dass es wirke, als werde ein fossiles Auto nur grün angestrichen.

Der verkehrspolitische Sprecher der Europa-SPD Ismail Ertug sprach im Bayerischen Rundfunk von einem „Kuhhandel“ Die Grünen-Klimapolitikerin Lisa Badum nannte das Ergebnis ein „Armutszeugnis“. Der Verkehrsclub VCD erklärte, die EU-Umweltminister hätten „versagt, dem alarmierenden Bericht des Weltklimarats Taten folgen zu lassen“.

Auf der anderen Seite sprach der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) Bernhard Mattes von einer vertanen Chance, „die CO2-Regulierung für die Zeit nach 2021 wirtschaftlich und technisch realistisch zu gestalten“. Der europäische Autoherstellerverband Acea warnte vor einer Schwächung der Branche. Es drohten „negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, Autobeschäftigte und Verbraucher gleichermaßen“. Der Hersteller Daimler will sich nicht zu dem erzielten Ergebnis äußern und verweist auf den VDA und Acea.

Dabei stehen die künftigen CO2-Grenzwerte noch gar nicht fest. Die Verhandlungen dürften noch Wochen andauern. Die EU-Kommission hatte sich für im Schnitt 30 Prozent geringeren Kohlendioxid-Ausstoß bei Neuwagen ausgesprochen, das EU-Parlament für eine Reduktion um 40 Prozent. In dieser Spanne dürfte der Beschluss schließlich auch liegen. Wobei der Unterschied eine Menge Geld für die Autoindustrie ausmachen könnte. Die 10 Prozentpunkte Unterschied könnten 3 Mrd. EUR kosten, tippt Auto-Experte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Dabei wird das Problem immer größer, der CO2-Ausstoß steigt derzeit sogar. Emittierte ein Auto in der EU Anfang des Jahres 118 Gramm CO2 pro Kilometer und in Deutschland 132, sind es jetzt 4 bis 5 Gramm mehr. Dies liegt an den immer beliebteren großen SUVs und an den beliebteren Benzin-Fahrzeugen, die mehr CO2 ausstoßen, erklären Experten.

Für eine Reduzierung um 40 Prozent werden Motoren gebraucht, die weniger als 2,5 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen, rechnet Experte Stefan Bratzel vor – allerdings wird der Ausstoß für die Fahrzeugflotte eines Herstellers gerechnet. Die Autobranche hat also die Wahl, viel stärker die Entwicklung emissionsfreier Autos voranzutreiben oder Millionen- oder gar Milliarden-Strafen zu riskieren.

Vielleicht werden aber auch die Werte wieder zurückgenommen, denn in dem Beschluss heißt es, die neuen Regeln in einigen Jahren auf ihre Wirkung hin zu überprüfen. Klimaforscher mahnen aber zu noch größeren Anstrengungen, wenn die Erderwärmung wie beschlossen auf 1,5 Grad begrenzt werden soll.

Zu den Befürwortern des Kompromisses gehört Kanzlerin Angela Merkel. Sie empfindet das Ergebnis als „tragbar“. Es gebe eine „Reihe von wichtigen Randbedingungen“, sagte sie und nannte die Revisionsklausel für 2023. Bundesumweltministerin Svenja Schulze bezeichnete die Einigung der EU-Staaten auf schärfere Klimaschutzvorgaben als „wichtigen Fortschritt“: „Es ist kein Geheimnis, dass ich noch mehr Ehrgeiz für möglich und richtig gehalten hätte. Aber entscheidend ist, dass jetzt der Weg frei ist für neue Flottengrenzwerte.“

Für den Auto-Experten Stefan Reindl ist es eine Entscheidung, die „Auto-Herstellern auf den Zahn fühlt“ und den Transformationsprozess der Elektrifizierung der Antriebe voranbringt. „35 oder 40 Prozent sind ambitioniert, müssen aber nicht zwangsläufig eine Überforderung sein“, sagt der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Es seien höhere Investitionen und mehr Mitarbeiter nötig, um den Umbau zu bewältigen. (mit dpa)

Zum Artikel

Erstellt:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+