Fußball

Fohlen, Kumpel, alte Damen

Auch wenn sich die Realität ändert: Die alten Spitznamen bleiben bestehen. Die Schalker pflegen als „Knappen“ ihr Malocherimage, Leverkusen kokettiert mit seiner „Werkself“.

24.11.2020

Von GEROLD KNEHR

Im Januar 2017 fuhr die Mannschaft des FC Schalke 1000 Meter unter die Erde. Foto: Marcel Kusch/dpa

Die Roten sind in Stuttgart die Fußballer des VfB Stuttgart, in München die des FC Bayern. Die Blauen sind die kleineren Klubs der beiden Städte, die Kickers und der TSV 1860. Dass die Trikotfarbe zum Beinamen eines Teams wird, ist weltweit gängige Praxis. In England werden die Spieler des FC Liverpool „The Reds“ genannt. Frankreich assoziiert mit „Les Bleus“ (die Blauen) die Fußball-Nationalmannschaft.

Gestreifte Trikots trägt in aller Regel Drittligist MSV Duisburg – weshalb die Westdeutschen seit Jahr und Tag den Spitznamen „Zebras“ tragen. Womit wir in der ebenfalls sehr beliebten Rubrik der Tiere sind. Die „Sechzger“ aus der bayerischen Landeshauptstadt sind nicht nur als die „Blauen“ bekannt, sondern noch mehr als die „Löwen“ – weil der Vorgängerverein in einer Brauerei zum Bayerischen Löwen gegründet wurde.

Die Spieler des 1. FC Köln heißen wegen ihres nach dem damaligen Trainer Hennes Weisweiler benannten Maskottchens „Geißböcke.“ Später wechselte Weisweiler zu Borussia Mönchengladbach. Weil er nach dem Bundesligaaufstieg 1965 sein junges Team um Jupp Heynckes (damals 20) und Günther Netzer (21) mutig, wild und ungestüm nach vorn preschen ließ, erhielt die Mannschaft den Spitznamen „Fohlen“.

Wie langlebig sich solche Bezeichnungen halten, zeigt das Beispiel FC Schalke 04. Dessen Beiname „die Knappen“ bezieht sich nicht etwa auf den Kassenstand oder enge Niederlagen. Vielmehr ist die Geschichte des Revierklubs eng mit dem Bergbau verknüpft. Vereinsgründer und große einstige Spieler wie Ernst Kuzorra arbeiteten in der Zeche Consolidation. Der Bergbau war das einigende Band zwischen Spielern und Anhängern. Den Mythos des Kumpel- und Malocherklubs pflegen sie in Gelsenkirchen bis heute, obwohl im Ruhrgebiet längst Schicht im Schacht ist. Als 2010 Spaniens Superstar Raul bei Schalke anheuerte, bekam er von einem Knappen, wie ausgelernte Bergmänner bezeichnet werden, ein Stück Kohle in die Hand gedrückt. Noch 2017 fuhr das Team bei einer PR-Aktion 1000 Meter unter die Erde des Bergwerks Prosper-Haniel.

Bleiben wir im Arbeitermilieu. Leverkusen ist geprägt von den Bayer-Werken. Die Spiele des Werksteams sahen einst fast nur Firmenangehörige. Wer auf eine Beförderung oder Gehaltserhöhung hoffte, kam nicht umhin, sich auf dem Sportplatz zu zeigen. Später wollten die Fußballer dieses Image abstreifen – vergeblich. Auf ihrer Internetseite nennt Bayer seine erste Mannschaft offiziell „Werkself.“

In Ingolstadt muss man weiter in die Geschichte zurück. Etwa im Fall der „Schanzer“, der Drittliga-Fußballer des FC Ingolstadt. Ihr Nickname rührt nicht etwa daher, dass sie sich im Strafraum verschanzten. 1537 errichtete die bayerische Armee dort eine Landesfestung. Seither heißen nicht nur die lokalen Fußballer „Schanzer“.

So lange zurück geht die Bezeichnung „alte Dame“ für Hertha BSC nicht. Der Name Hertha geht zurück auf einen gleichnamigen Dampfer, auf dem zwei Brüderpaare, die Vereinsgründer, bei einer Tour offenbar viel Spaß hatten. Das Brüderpaar übernahm nicht nur den damals sehr populären Frauennamen, sondern auch das Blau und Weiß des Dampfer-Schornsteins. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde kaum ein Kind mehr Hertha genannt, so dass nur noch alte Damen diesen Namen trugen. Seither ist der Hauptstadtklub die „Alte Dame“ des deutschen Fußballs.

Zum Artikel

Erstellt:
24. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. November 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Schwitzkasten
Schwitzkasten

Ob die weltweit wohl meistgesehene Tipp-Runde für die Fußball-Landesliga oder die beliebte "Elf der Woche" - für solche Formate gibt es den "Schwitzkasten" der TAGBLATT-Sportredaktion.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App