Wir können alles - außer Ironie?

Förderverein Schwäbischer Dialekt feiert zehnjähriges Bestehen

Der Förderverein Schwäbischer Dialekt wird zehn Jahre alt - eine Erfolgsgeschichte. In der Festschrift zum Jubiläum geht der Streit um den Landes-Slogan "Wir können alles" in eine neue Runde.

16.07.2011

Von RAIMUND WEIBLE

Tübingen Der Streit um den Slogan "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" dauert an, seit das Stuttgarter Staatsministerium diesen Spruch mit seiner Werbekampagne unter die Leute brachte. Das war vor zwölf Jahren. Die einen halten ihn für gelungen, die anderen lehnen ihn ab. Der Schlagabtausch ging jetzt in eine neue Runde. In der eben erschienenen Festschrift des Fördervereins Schwäbischer Dialekt zum zehnjährigen Bestehen liefern sich der Augsburger Professor Werner König und der Vorsitzende des Vereins, Hubert Wicker, ein Pro und Kontra - auf ansprechendem Niveau.

Als eine der Stärken des Slogans gilt die feine Ironie. Doch König glaubt, die meisten Menschen hätten keinen Sensor dafür und nähmen den Spruch wörtlich - mit der fatalen Folge, dass im Norden Deutschlands ein Vorurteil, "das sachlich durch nichts gerechtfertigt ist", verstärkt werde, nämlich das Vorurteil, Schwaben könnten nicht richtig Deutsch. Dieses Vorurteil, so führt der Professor aus, löse ein Unterlegenheitsgefühl aus, das die Menschen im Süden in der Entfaltung ihrer Fähigkeiten hemme. Deswegen zögen sie in der Konkurrenz mit Hochdeutsch Sprechenden häufig den kürzeren. "Diese Begleitschäden der Kampagne sind von nicht zu unterschätzender Langzeitwirkung", behauptet Fachmann König, der den "Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben" verfasst hat.

Hubert Wicker, noch vor wenigen Monaten Staatssekretär im Staatsministerium und jetzt Landtagsdirektor, hält dagegen. Er findet, die Ironie des Spruchs werde sehr wohl verstanden. Die Leute, ob mit oder ohne Hochschulabschluss, verstünden sehr genau, was gemeint sei. So kommuniziere der Slogan Spitzenleistungen auf sympathische Weise. Wicker weist darauf hin, dass Baden-Württemberger in Wirtschaft und Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur in Deutschland und der Welt führende Positionen einnehmen. Wicker: "Dies alles wäre, wenn König recht hätte, gar nicht möglich."

Der Meinung, dass die Ironie verstanden werde, schließt sich Volkskundeprofessor Hermann Bausinger an. Die Ausführungen Königs, den er sehr schätze, erscheinen ihm zu gedrechselt und streckenweise an den Haaren herbeigezogen.

In der Festschrift geht es aber nicht nur um den Landes-Slogan. Wissenschaftler wie Bausinger, Werner Mezger, Wolfgang Alber und Henning Petershagen liefern Analysen zur Mundart, und prominente Baden-Württemberger berichten über ihre Erfahrungen mit dem Dialekt. Darunter Felix Huby, Dieter Baumann, Manfred Rommel und Walter Schultheiß. Die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin zieht im Interview den Schluss, ihr schwäbischer Kolorit habe ihr eher genützt als geschadet. Durch ihn erhöhte sich ihr Wiedererkennungswert. Womit sie Wickers These stützt.

Wicker gründete als damaliger Tübinger Regierungspräsident den Verein am 16. Juli 2001. Der Verein hat den Zweck, die Mundart und die Mundartforschung zu fördern. So finanzierte der Verein beispielsweise die Digitalisierung von 50 Jahre alten Dialektaufnahmen und Unterrichtseinheiten über schwäbischen Dialekt an Kindergärten und Schulen. 800 000 Euro stellte der Verein dafür zur Verfügung.

Der Zulauf ist groß. Inzwischen zählt der Verein 1040 Mitglieder.

Glaubt fest an die Fähigkeit der Menschen, Ironie zu verstehen: Landtagsdirektor Hubert Wicker.

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Erstellt:
16. Juli 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juli 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2011, 12:00 Uhr

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