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Heuss-Sporthalle voll bezogen

Flüchtlingsunterkunft im Berufsschulzentrum: keine Probleme und viel Engagement

Seit Anfang Oktober sind 120 Flüchtlinge in die Theodor-Heuss-Sporthalle im Reutlinger Berufsschulzentrum eingezogen. Bislang herrscht eine friedliche Atmosphäre in der Notunterkunft – auf Privatsphäre müssen die Bewohner jedoch verzichten.

29.10.2015
  • Maik Wilke

Reutlingen. Die kleinen Kabinen sind durch Bauzäune abgegrenzt, weiße Planen dienen als Sichtschutz. Neben den 90 Zentimeter breiten Betten stehen schmale Spinde, in denen die Flüchtlinge ihre wenigen Kleider verstauen können. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Raums liegen Spielkarten. „Es sind keine richtigen Zimmer. Sie sehen nur wie Zimmer aus“, sagt Ibrahim Abdulahi aus Somalia. Er ist einer der 120 Flüchtlinge, die in der Theodor-Heuss-Sporthalle im Reutlinger Berufsschulzentrum wohnen.

„Die Unterkunft ist sicher nicht optimal. Das ist uns vollkommen klar“, erklärte Hendrik Bednarz, Ordnungsamtsleiter des Landkreises, bei gestrigen Besichtigung der Erstunterbringung. In zwei Monaten wurde die Turnhalle für 150 000 Euro zur Notunterkunft umgebaut. Weil sie für Familien ungeeignet ist, leben nun 120 alleinreisende Männer aus Syrien, Eritrea und Somalia auf engstem Raum. Privatsphäre gibt es nicht, sechs Männer teilen sich eine Kabine. „Die Stimmung ist aber okay“, sagt Abdulahi.

In der kleineren Halle, die als Gemeinschaftsraum genutzt wird, stehen Stühle aufgereiht, ein Beamer bestrahlt die Leinwand mit deutschem Fernsehen. „Wir schauen abends gerne gemeinsam Filme oder Fußball“, erzählt Salah, der nur seinen Vornamen nennen möchte. Viele der Männer seien Bayern-Fans, das Spiel am Dienstag im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg hätten sie gemeinsam angeschaut.

Die Flüchtlinge gingen friedlich und respektvoll miteinander um, berichtet Richard Haag vom WSD-Sicherheitsdienst. „Wir mussten zwei Mal den Arzt anrufen, weil ein Mann Grippe hatte und ein anderer eine Sportverletzung. Die Polizei mussten wir bisher nicht verständigen.“ Rund um die Uhr dienen die zwei Personen vom Sicherheitsdienst sowie zwei hauptamtliche Sozialarbeiter vom Landratsamt in der Heuss-Sporthalle als Ansprechpartner.

Für Hamc Hamza wurden sie sogar zu Freunden. Der 18-jährige Syrer sprüht vor Energie. Im Eiltempo führt er zu seiner Kabine – stets mit einem Lächeln. Er verstehe sich super mit seinen Zimmer-Mitbewohnern, sie würden viel miteinander reden, sagt er auf Englisch. Und Hamza strahlt förmlich, als er von seinen neuen Freunden erzählt, die er in der Unterkunft und auf dem Schulhof gefunden habe.

Vier Schulen liegen in der unmittelbaren Nachbarschaft – auf dem gemeinsamen Campus gab es ebenfalls noch keine Vorfälle. „80 Prozent unserer Schüler sind junge Frauen – und wir hatten noch kein einziges Problem mit den Flüchtlingen“, sagt Klaus Berger, stellvertretender Leiter der Laura-Schradin-Schule für Hauswirtschaft. Ganz im Gegenteil: Die Schulen kooperieren mit dem Landratsamt, bieten Deutschkurse an und sammeln Sachspenden. Jacken, Hosen und Schuhen werden auch dringend benötigt – viele der Männer tragen lediglich Badelatschen oder dünne Sneaker.

„In einer Willkommens-AG sammeln unserer Schüler derzeit Geld, um Lexika für die Flüchtlinge zu kaufen“, sagt Marion Kramer, Abteilungsleiterin der Wirtschaftsschule der Theodor-Heuss-Schule. Gemeinsam mit der Laura-Schradin-Schule, der Kerschensteinerschule und dem Diakonieverband baut Kramer ein Netzwerk auf, das Deutschkurse anbietet und später bei der Job- und Wohnungssuche unterstützen möchte.

Trotz guter Stimmung unter den Flüchtlingen bleibt die Sporthalle aber doch nur eine Notunterkunft. „Es gibt zu wenig Badezimmer und keine Privatsphäre“, sagt der 28-jährige Mohmad abdal Rahman. In Damaskus habe er Zahnmedizin studiert und würde sein Studium hier gerne fortsetzen. „Aber die Asylverfahren dauern zu lange und wir wissen nicht, ob wir nur drei oder sieben Monate hier bleiben müssen.“

Auch Salah ist mit der Unterkunft unzufrieden: „Wir haben kein Internet und können nicht mit unseren Familien schreiben.“ Zudem reiche das Geld nicht aus, um selbst einzukaufen und zu kochen, das Wasser für Tee sei abgestanden. Bestätigung bekommt er von Hamc Hamza, der kurz an einer Tasse nippt: „Ich kann nicht sagen, ob das Kaffee oder Tee ist“, sagt der 18-Jährige – immer noch mit einem Lächeln im Gesicht.

Flüchtlingsunterkunft im Berufsschulzentrum: keine Probleme und viel Engagement
120 Flüchtlinge wohnen seit Mitte Oktober in der Theodor-Heuss-Sporthalle. Die einzelnen Kabinen sind durch Bauzäune und Sichtplanen abgetrennt. Bild: Haas

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29.10.2015, 12:00 Uhr
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